Das goldene Kalb

Treue und Untreue auf dem Weg in die Freiheit (Ex 32,1-14)

 

Mein Herr und mein Gott,

nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,

gib alles mir, was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,

nimm mich mir

und gib mich ganz zu eigen dir.

hl. Niklaus von Flüe

Uns allen ist das Ereignis mit dem goldenen Kalb bekannt. Es gehört irgendwie zu den Grundsteinen unseres Hineinwachsens in den Glauben. Wir sind im bereits in der ersten Katechese begegnet. Das Volk Israel war auf dem Weg aus Ägypten ins gelobte Land. Als Mose sich länger auf dem Berg Sinai aufgehalten hatte, die Leute suchten von Aaron, daß er ihnen ein Götterbild macht, das vor ihnen herziehen wird. Aaron gibt den Auftrag, ihm Goldschmuck zu bringen.

Der Auszug in die Freiheit ist anstrengend und verlangt viel. Die Söhne Israels hatten gelitten unter Zwang und Druck fremder Herrscher, die sie ausgebeutet haben. Durch die Initiative Gottes ist dem Volk die ersehnte Glücksstunde der Befreiung gekommen. Mit Hoffnung und Erwartung erfüllt brachen sie auf, die Ahnung vom weiten, schönen Land, das ihnen versprochen wurde trug sie. In den Menschen sind die Ströme großer Erleichterung geflossen, vor ihnen hat sich ein weiter und breiter Raum der Freiheit eröffnet.

Aber Freiheit ist die Wüste. In ihr muß man sich zurechtfinden, eine Orientierung haben, den richtigen Weg betreten. Alle menschliche Sensoren sind in der Wüste der höchstmöglichen Anspannung ausgesetzt, denn die Sonne brennt unerträglich, die Nacht ist erbarmungslos kalt, Hunger und Durst sind groß, die Reise erschöpfend.

Die Freiheit ist eine Versuchung in der das Volk Gottes sich nicht bewährt hat. Die Sehnsucht nach den Tagen, als sie Sklaven waren, erfüllte sie. Die Freiheit ist eine Wüste in der man sich auf eigene Kräfte verlassen und sich alle Mühe geben muß, wenn man ans Ziel kommen möchte. Die Freiheit bedeutet, daß es unserer Verantwortung überlassen ist, ob wir überhaupt ins verheißene Land gehen wollen. Unserer Verantwortung ist es anvertraut, welche Ideale wir uns setzen, welche Richtung wir wählen. Da ist kein feindlicher Unterdrücker mehr, auf den man alle Verantwortung übertragen könnte, indem man ihn für alles beschuldigt und anklagt.

Die Israeliten hatten kurz davor das Gesetz bekommen und sie haben den heiligen Bund geschlossen. Und gleich fallen sie dem unglücklichen Irrtum zum Opfer. Die erfreuliche Heilstat Gottes der Befreiung werden sie zuerst dem Menschen Mose zuschreiben. Wenn Mose länger abwesend ist, wenden sie sich auch von ihm ab, und sprechen dem goldenen Kalb den Verdienst zu. Wenn man die Gottes Macht dem Menschen zuschreibt, wendet man sich schnell den Götzen zu.

»Mach uns Götter!« sagt die Menge in der Wüste. Ein gemachter Götze ist eine elende, schamlose, verführerische Fälschung. Wir sind aber so veranlagt, daß wir normalerweise ein Gottesbild in den Tiefen der Seele für uns erschaffen. Die Exerzitien sind die Zeit, wo wir prüfen können, wie dieses Bild dem wahren und lebendigen Gott entspricht.

Vom geschmolzenen Gold goss Aaron ein Kalb und sie erklärten, dies sei Gott, der Befreier. Vor dem goldenen Kalb baut Aaron einen Altar, auf dem am nächsten Morgen die Opfer dargebracht werden. Nachher wird ein Volksfest stattfinden.

Die Rolle, die Aaron übernimmt, ist erschreckend. Aus dem Bericht von der Berufung Moses wissen wir, wie Mose sich für einen schwachen Menschen hielt und deswegen teilte ihm Gott als Hilfe und Unterstützung den starken Bruder Aaron zu. Aaron hätte Sprecher sein sollen, der die Worte Gottes vermittelt. Er würde die Autorität Gottes vor dem Volk und vor dem feindlichen Herrscher vertreten müssen. Aaron ist die Persönlichkeit, die durch ihre Kraft, die Mitwirkung mit Gott fördern hätte sollen. Gerade aber Aaron ist in seiner Schwäche gebrochen. Im selben Augenblick, ohne Verzögerung und Einspruch, nimmt er den verführerischen Vorschlag der Götzenverehrung an. Wir können gar den Eindruck bekommen, daß er schon den Plan vom goldenen Kalb bereit hatte, obwohl er als erster den ausdrücklichen Anspruch kennen sollte: »Du sollst dir kein Götterbild machen« (Ex 20,4). Aaron macht eine direkte Übertretung des Gesetzes. Wenn wir uns auf dem Weg des Glaubens befinden und das Wort Gottes vertreten, brauchen wir viel Sorgfalt, um nicht auf Abwege zu geraten. Wenn wir uns bewußt und ausdrücklich den Grundlagen des religiösen Lebens gewidmet haben, dann haben wir die Verantwortung auch für den Glauben der Mitmenschen übernommen.

Die Israeliten kamen so weit, daß sie ihr Weg in die Freiheit einem vergoldeten Bildnis zugeschrieben haben. Der armselige Aaron nimmt auch dies bereitwillig an und baut den Altar vor dem Abgott. Frevel! Eine Gottesläßterung! Doch, das ist die Sünde eines Menschen, der Vater des priesterlichen Geschlechts sein wird. Da steht man vor dem Geheimnis, daß unsere Erwartung übertrifft. Durch die Schwäche des Menschen lässt uns Gott seine Güte und sein wahres Gesicht entdecken.

Wenn der Mensch seine Gottesbeziehung nicht beachtet, spinnt er buchstäblich. Mitten in einer Wüste, anstatt für die erschwerte Existenz zu sorgen, anstatt sich für den langen Weg vorzubereiten, Kräfte zu sammeln, widmen sich die Israeliten der Vergnügung und Feier, dem Essen und Trinken. Wenn ich die Beziehung zu dem, der mir mein Dasein schenkt und mich zur Lebensfülle leiten will, nicht pflege und sie vernachlässige, dann verliere ich den Verstand und mache Blödsinn.

In den heiligen Höhen aber auf dem Gottesberg, warnt der Herr seinen Diener Mose, was geschieht. Dieses Volk ist ein störrisches Volk. Wenn Mose es lassen will, wird Gottes Zorn gegen sie entbrennen und sie verzehren.

Gott ist größer als unser Herz und er weiß alles (1 Joh 3,20). Gott verfolgt das Schicksal seines erwählten Volkes, das er aus einer Gruppe unterdrückten Sklaven am Rande der ägyptischen Gesellschaft für sich geschaffen hatte. Wie er damals selber »ihr Elend gesehen und ihre laute Klage gehört hatte« (Ex 3,7), so nimmt er auch jetzt zur Kenntnis, was unter ihnen geschieht. Die Auswertung Gottes ist direkt und klar: »Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe« (Ex 32,8).

Nun ist auch der Glaube von Mose auf die Probe gestellt. Wenn Gott, der die Welt und die Menschen ins Dasein gerufen hat, wirklich etwas vernichten wollte, würde er eine Genehmigung seines Dieners suchen müssen? Aber der Herr stellt Mose die Frage. Dabei, aber, trotz zumindest anscheinender Drohung gibt er seine wohlwollende Absicht, einem großen Volk das Leben zu schenken nicht auf.

Im seinem Gebet wird Mose zum Fürsprecher Israels. Warum sollte des Herrn Zorn gegen das Volk entbrennen, das er aus dem Sklavenhaus herausgeführt hat. Der Herr möge gedenken, wie er bei seinem Namen geschworen hat und seinen Dienern Abraham, Isaak und Israel, Zukunft zugesichert hat.

Mose hat die Probe bestanden. Er weiß darum, daß der Herr und kein goldenes Kalb sein Gott ist. Im Vertrauen wendet er sich an ihn. Er wendet sich nicht dem Götzen an, sondern er spricht betend zu seinem Herrn. Aus dem was er bittet ist ersichtlich, daß er viel erwartet, daß er sich auf die Kraft des Gebetes zu verlassen weiß.

Mose hat sich nicht verwirren lassen und er anerkennt, daß der Herr die Söhne Israels befreit hat. Ins Gebet eintreten meint, einzusehen, wo und wie in meiner Vergangenheit die große Macht und starke Hand Gottes wirksam war. Daraus entspringt dann die Dankbarkeit, darauf beruht gesunde Gewissenserforschung.

Mose hat das Urteil Gottes gehört und ohne Erwiderung sein Herz vor dem Herrn geöffnet. Zu Beten meint, die wirkliche Lage der eigenen Seele dem Herrn darstellen. Mein Flehen und mein Vertrauen. Wenn man persönlich mit Gott zu sprechen beginnt, dann hat man das Gebet angefangen. Das ist nicht eine Aufzählung der Wörter, das ist das Sprechen einer Person.

Mose ist mutig und direkt. Er zielt unmittelbar auf des Herrn Entscheidung und will sie umwandeln. Er shießt nicht daneben, sondern trifft ins Herz. Und sein Gebet wird erhört. Seine Bitte, in der direkten Rede niedergeschrieben, »Laß dich reuen!« (V.12) findet ihre Verwirklichung in der abschließenden Beschreibung: »Da ließ sich der Herr reuen« (V. 14).

Die Moses Gebetsmethode ist, den Herrn an seine Diener zu erinnern, Abraham, Isaak und Israel. Wir tun es auch ähnlich. Auf der Suche nach Erbarmen und Vergebung verlassen wir uns an den größten Diener Gottes, den Sohn und Herrn, Jesus der bis zum Tod am Kreuz gehorsam wurde. Der Tod und die Auferstehung Christi sind die Bestätigung, daß der Herr uns nicht »das Böse antun will« (V.12) sondern, daß er uns neues Leben für immer schenkt.

Mose gedenkt der Verheißungen, für die Gott mit seinem Eid bürgt. Wir tun es auch so. Wir gedenken der Grundsätze, die bereits zwei Jahrtausende erschallen: das Himmelreich ist uns versprochen;es ist uns zugesagt worden, daß wir den Trost empfangen und das Land erben werden, daß wir rechte Nahrung und Barmherzigkeit bekommen werden, daß wir Gott schauen und uns Söhne Gottes nennen dürfen werden.

 

Guter Herr, himmlischer Vater

Du hast uns für Dich geschaffen.

Du hast uns erwählt und uns Freiheit geschenkt.

Du weißt, daß wir unser ganzes Leben

Dir hingegeben haben. Wir sind Die geweiht.

Laß uns Deine Treue zu Dir erneuern.

Laß uns für unsere Liebe

neue Kraft und Nahrung finden.

Denn Du hast uns Deine Liebe auf immer bezeugt

in Deinem Sohn Jesus Christus. Amen

 

P. Niko Biliæ, S.J.