Noach, der Gerechte
bekommt Gottes Verheißung der Treue
(Gen 5,28-9,29)

Der Regensturm hat aufgehört; die furchtbare Flut ist zu Ende. Die zerstörerischen, überschwemmenden Wasser haben sich zurückgezogen. In der ruhigen Abendzeit kam die Taube mit einem frischen Olivenblatt in ihrem Shnabel und kündigte an, daß das Leben neu beginnen kann. Ähnlich wird der Geist in der Gestalt einer Taube auf Christus herabkommen nach der Wassertaufe im Jordan. Am erfrischten, gereinigten Himmel erschien das neue Zeichen. Durch den angenehmen, vollen Geruch der Erde und durch den Geschmack der gründlich gewaschenen Luft wird man ermuntert, tief einzuatmen. Da oben, in den Wolken – und die Wolke weist auf das Geheimnis hin – verteilte sich das Sonnenlicht in wunderschöne Farben. Der Regenbogen scheint. Mit der Kraft der Sonne scheint er. Die Zeit des Friedens ist gekommen, der Kämpfende El hat seinen Bogen hingelegt.

Das sind die Begebenheiten, in denen der Herr seinen Bund mit Noach schließt. In den Exerzitien ist es meistens auch so, daß die Turbulenz und die Ablenkung der Arbeitstage sind hinter uns. Wir können uns dem Wichtigen und Notwendigen widmen.

Im Lukasevangelium lesen wir, daß es »in den Tagen des Menschensohnes so sein wird, wie zur Zeit des Noach« (Lk 17,26). Noach kennen wir. Die Bibel gibt uns Ausweis über einen Menschen, der auf der verdorbenen, mit Gewalttat erfüllten Erde auf Gottes Wort hört. Mitten in einer Welt, die so weit kam, daß sie vor dem Untergang steht, gehorcht Noach und »tut alles genau so, wie ihm Gott aufgetragen hat« (Gen 6,22). Der zurückhaltende, sorgfältige Gerechte, ähnlich wie der hl. Josef in den Evangelien, meldet sich gar nicht zu Wort. Er hört im Stillschweigen hin. Schweigsam führt er den lebensrettenden Auftrag aus, der mehr als ein ganzes Lebensjahr von ihm verlangt. Schweigen und Geduld sind zwei Pfeiler des Hinhören könnens. Stillschwiegen und Abwarten sind die zwei Stützen der geistlichen Übungen.

Mit Noach erfüllt Gott in Treue, was er vorher versprochen hat. Während Noach die Anweisungen zum Bau der Arche gegeben wurden, hat ihm Gott bereits den Bund angekündigt. Zeitgleich mit der Ankündigung der Sintflut, mit der die Gewalttat ausgerottet werden sollte, steht auch die Ankündigung und Zusage des Bundes: »Mit dir will ich meinen Bund aufrichten.« (Gen 6,18).

Das ursprüngliche biblische Wort für Bund, das bekannte »berit«, steht sicher in einer Beziehung zum Schließen des Bundes zwischen zwei Verbündeten gegen gemeinsame Feinde. Noch mehr hängt »berit« mit dem Aufrichten eines Vassallenvertrags zusammen, in dem man sich dem Herrscher gegenüber zum Dienst verpflichtet, und dieser wiederum einem Schutz, Förderung und Rechte sichert. Die Kenner haben uns aber wohlwollend gewarnt, daß wir aufpassen sollen, wenn wir von einem Bund mit Gott reden. Denn da geht es nicht nur um einen beliebigen Bund, zwischen irgendwelchen Parteien, wo man Zusicherungen bekommt und trotzdem unsicher bleibt. »Berit« ist die Verpflichtung Gottes. Gott, der Schöpfer und Retter, »unterschreibt den Vertrag«. Das sind nicht zwei gleichberechtigte Seiten. Das ist ein Gelöbnis, eine Verheissung und ein Eid von Gott. Gegebenes Wort, Gottes Wort. 

Wenn wir bei Noach zum ersten Mal in der Bibel dem Bund begegnen, dann ist der Bund hier wichtig und wertvoll. Denn hier ist der Beginn und Ursprung für seine Deutung, bis hin zu jenem feierlichen Paschamal, wo Christus selbst verkünden wird: »Dies ist der neue Bund«. Wenn hier bei Gottes Versprechen vom »Aufrichten« die Rede ist, dann ist dies ein Anzeichen, daß der Bund einem Gebäude ähnelt. Er muß gebaut und ausgebaut werden. Seine Errichtung und sein Geradestehen beruhen auf Gott.

Im ersten Wort Gottes: »Mit dir schließe ich einen Bund« (Gen 6,18) mag es scheinen, daß nur Noach, der Gerechte, dabei gemeint ist. In unserer Deutung könnten wir gar an eine Elite, an eine kleine Gruppe der Erwählten denken, die so etwas verdienen. Gewöhnlich denken wir an das auserwählte Volk Gottes, dem die biblische Heilsgeschichte gewidmet ist. Hier aber handelt es sich um »alle Tiere der Erde, alle Vögel des Himmels, und alle Fische des Meeres« (Gen 7,2), jeweils »nach ihrer Art« (Gen 6,20). Diese Ausdrücke erinnern uns sofort an die Schau der Schöpfung auf den ersten Seiten der Hl. Schrift. Der Bund mit Noach hat einen universalen, allumfassenden Charakter. Das Zeichen im Himmel beglaubigt den Bund, den Gott zwischen ihm und Noachs Familie und allen lebendigen Wesen für alle kommende Generationen gestiftet hat (vgl. Gen 9,12). Der Bund Gottes bezieht sich auf die ganze Natur und eröffnet die Zukunft.

Sehr wohl stehen in der Heiligen Schrift der Sinaibund mit dem Volk Gottes und in einzigartiger Weise, der Neue Bund in Christus an den hervorragendsten Stellen. Wir wollen aber diesmal diesem ersten Bund in seiner Breite und Verpflichtungskraft Aufmerksamkeit und Achtung schenken. Die Bewahrung der Schöpfung ist, nicht zuletzt auch wegen der drohenden Gefahren, ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit geworden. Außerdem, Christus weist darauf hin, wie es am Anfang war. Er ist nicht gekommen, um aufzulösen, sondern zu vollenden.

Gott selber ist derjenige, der sich vor Noach und seinen Söhnen auf Treue verpflichtet. Das bereits erwähnte »Aufrichten« besagt, daß hier etwas errichtet wird. Da wird eine Institution gegründet, auf die man sich verlassen kann. Die Bibel ist ein Zeugnis von Heilsinitiativen Gottes und der Erfüllung dieser Verheissungen. Als Beispiele seien genannt: die Befreiung aus Ägypten, die Richter, die das im neuen Land angesiedelte Volk aus der Hand der Angreifenden erretten, die Rückkehr aus dem großen Exil usw.

Unsere Gefühle können uns spüren lassen, wie weit wir sind beim Entdecken und Erfahren dieser bedingungslosen Liebe Gottes. Gott bricht den Bund nicht. Jetzt ist die Zeit, zu prüfen, ob wir fähig sind, Gott zu trauen. Habe ich gelernt, mich auf Ihn zu verlassen? Sonst würde ich von seiner Treue reden, nur weil unser Glaube es so besagt. Man hat es uns so gelehrt und wir müssen so reden. In der Tiefe des Herzens aber stehen die Dinge, so wie sie stehen. Im Gebet darf ich bitten, sein Wort zu hören: Ich habe meinen Bund mit dir geschlossen. Ich richte meinen Bund mit dir auf.

Im Neuen Testament ist das Wort Fleisch geworden, der Bund Gottes ist in Jesus Christus eine Person unter uns. Auch bei Noach zu Beginn der Heiligen Schrift, bleibt Gott nicht bei bloßen Worten. Es bedarf einer Unterschrift, eines Kennzeichens für den Bund, der geschlossen wurde. Es handelt sich nicht um unbekannte, geheime Zeichen; dies sind nicht ferne und unverständliche Dokumente, nur für wenige zugänglich. Es steht hier vor unseren Augen, die Frage ist nur, ob wir es wahrnehmen und erkennen. Der erfreuliche Blick auf den Regenbogen könnte Dankbarkeit für den geschlossenen Bund erwecken. Unser Wunsch und Entschluss, daß wir uns an den Bund halten, können aufblühen.

Noach ist der Auserwählte. Bis zu dieser Bibelstelle ist sein Urgroßvater Henoch der einzige, der »beständig seinen Weg mit Gott ging« (Gen 6,9). Noach war ein gerechter, untadeliger Mensch unter seinen Zeitgenossen. Gott verlangt Befreiung von Verdorbenheit und Gewalttat. Bei Menschen, mit denen er seinen Bund schließen will, die sein Angesicht schauen werden, sucht Gott ein reines Herz. »Ich habe gesehen, daß du vor mir gerecht bist« (Gen 7,1). Noach wird von Gott beurteilt, nicht durch menschliche Einschätzung der Mass-medien oder aufgrund von publicity. Auch nicht in der Bewertung seiner selbst. Gott schaut und sieht, wie bereits bei der Schöpfung. Er gibt das Urteil. Der Ausdruck »vor mir« (Gen 7,1) im Originaltext bezieht sich auf das Gesicht, die Wangen, im Plural. Der Herr spricht von seinem Angesicht. Da, vor den Augen Gottes, wird die Gerechtigkeit bemessen. Deswegen gilt sie für die endgültige, ewige Begegnung von Angesicht zu Angesicht, die wir erhoffen und der wir glaubend entgegengehen.

Die Gerechtigkeit Noachs besteht nicht bloß in Gedanken und im Inneren seiner Seele. »Alles, was ihm der Herr aufgetragen hatte, tat Noach« (Gen 7,5). Es geht nicht nur um eine emotionale Hingabe und strenge Gewissensprinzipien. Ehe die Wasser der Flut kommen, musste sich Noach kräftig Mühe geben, um die Arche zu bauen: Etwa hundertfünfzig Meter lang, 25 Meter breit und 15 Meter hoch. Fast so groß wie ein Sportplatz! Dann musste er sich um seine Großfamilie und die Vertreter aller Lebewesen kümmern. Dies ist eine gewaltige Arbeit. Die Frömmigkeit allein hätte nicht ausreichen können.

Der mächtige Gott, der Noach leitet, ist kein Spiritualist und Esoteriker. Er sorgt nicht ausschließlich für geistige Werte oder Scheinwerte. Wie ein aufmerksamer Hausherr gibt er die konkrete Anweisung: »Nimm dir von allen Speisen mit, und leg dir einen Vorrat an!« ( Gen 6,21). Die Arche soll Noach mit Kammern oder Zellen ausstatten. Der Urtext läßt uns entdecken, daß die Lebenden, die gerettet werden, wörtlich die »Nester« für sich haben sollen. Wem Gott in der Bedrängnis der Welt Heil schenken will, soll nicht ohne Nahrung und Beheimatung bleiben.

»Noach fand Gnade in den Augen des Herrn« (Gen 6,8). Geistliche Übungen bedeutet: wahrnehmen – betrachten. Im geistlichen Tun gilt aber auch umgekehrt: Lassen wir einmal Gottes Augen auf uns ruhen. Versuchen auch wir in ihnen, in diesem göttlichen Blick, die gratia, die heilige und heilende Anmut für uns zu finden.

Gütiger Gott, laß Deine Verbundenheit mit uns aufleben. Laß uns Deinen Bund sorgfältig bewahren, den Du durch Deinen Sohn geschlossen hast, Christus unseren Herrn. Amen.

P. Niko Biliæ, S.J.