Die Schöpfung
Gott, der Schöpfer, am Anfang der Heiligen Schrift (Gen 1,1-2,4a)

Eröffnungsgebet:

Atme in mir, du Heiliger Geist, daß ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, daß ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, daß ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, daß ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, daß ich das Heilige nimmer verliere.
                             (hl. Augustinus zugeschrieben, Gotteslob 4,6)

Im Mittelpunkt unserer Exerzitien, wie auch des ganzen Lebens, steht Gott. Wenn wir den schöpferischen und erchaffenden Gott näher kenenlernen wollen, dann ist die beste Methode, die Heilige Schrift, das Wort Gottes selbst zu Wort kommen zu lassen. Der himmlische Vater und unser Schöpfer möge sich selbst in seinem Wort uns vorstellen. Christus betont als sein Anliegen das, was zu Beginn war, was die ursprüngliche Absicht und Liebe des Vaters ausmacht. Ein gesegneter Weg der geistlichen Erneuerung ist die Rückkehr zum Ursprung, die Wiederentdeckung der ersten Liebe. Deswegen gehen wir zum wortwörtlichen Anfang der Heiligen Schrift, dorthin, wo geschrieben steht: »Im Anfang«.

Ein Wort ist erst dann wirklich geschaffen, wenn es jemand hört. So auch das Wort Gottes. Es hat seinen vollen Bestand, wenn es gehört wird. Wir versuchen dies mit dem Wort über die Schöpfung zu tun.

Der Text ist bekannt. Zwischen dem Titel (Gen 1,1) und dem Schluß (2,4a), die kurz besagen, daß Himmel und Erde geschaffen sind, ist zuerst die Erschaffung des Lichts beschrieben (V.1-5) Ein Wort des Herrn genügt und das Licht wird erschaffen. Nachher ist die Rede von der vertikalen Teilung zwischen oben und unten. Oben ist der Himmel (V.6-8). Unten ziehen sich die Gewässer zurück und auf dem Festland blühen die Pflanzen (V.9-13). Gott erstellt dann die Lichter am Himmel (V. 14-19). Danach entsteht durch Gottes Wirken das Leben im Meer; in den Höhen beginnen die ersten Vögel ihren Flug. Zum ersten Mal wird der Segen Gottes erwähnt (V.20-23). In einem größeren Abschnitt ist dann die Rede von der Erschaffung der Lebenwesen am Land. An dieser Stelle berichtet die Heilige Schrift, daß als Abbild Gottes der Mensch erschaffen wird, als Mann und Frau. Sie erhalten den Segen Gottes und ihrer Sorge wird die Erde anvertraut (V.24-31). Letzlich bleibt noch die abschliessende Ruhe des Schöpfers nach dem vollendeten Werk. Dieser letzte Tag ist besonders gesegnet und geheiligt (Gen 2,1-4).

Die Entstehung der geschaffenen Welt ist in sieben Strophen oder sieben Szenen dargestellt. Das ist ein Drama mit sieben Akten, die sich, bekanntlich, die »Tage« nennen. Der siebentägige Rhythmus hat in der Bibel eine besondere Bedeutung. Denn die Zahl sieben hat in der hebräischen Sprache die selbe Wurzel wie das Wort »schwören«, »mit einem Eid zusichern«. Das Wort bezeichnet etwas Festgesetztes, Entschiedenes, was versprochen und verlässlich ist. Es erinnert unmittelbar an das sich durchtragende Thema des ganzen Alten Testaments: Gott führt sein Volk ins verheissene Land, wie er den Vätern geschworen hat. Deswegen, wo »sieben« in der Bibel steht, da klingt im Hintergrund mit die Rede von der Treue Gottes.

In der biblischen Beschreibung der Schöpfung wiederholt sich die Bestätigung: »Gott sah, daß es gut war.« Beim ersten Mal bezieht sich »gut« auf das neuerschaffene Licht (V.4), beim zweiten Mal bezeichnet es den Himmel, die Erde und das Meer (V.10). Beim dritten Mal gilt es für die Pflanzen (V. 12), und ein viertes Mal für die Lichter am Himmel (V.18). Durch das fünfte und sechste »es ist gut« ist die Schöpfung der Lebewesen gewertet (V. 21.25). Beim siebten Mal steht »gut« besonders hervorgehoben.

Es gibt also in der Beschreibung eine Grundaussage, die siebenmal wiederkeht: »Es ist gut«. Und diese Wertung stammt von Gott selbst, das ist seine Einsicht. Sein sind Wort und Tat, die dann das ruhige, bewertende Anschauen begleitet. Man könnte sagen: nach jedem Akt der Schöpfung nimmt sich der Schöpfer Zeit und bewundert das Werk. Die heutige schnelle Lebensweise verleitet uns oft, das bereits Erreichte nicht anzuschauen, nicht dabei zu verweilen, sondern nervös den künftigen Verpflichtungen und Vergnügungen nachzulaufen. Gott ist nicht so. Beruhigt aufzuatmen und tiefgreifend zu bewerten – möge hier das Wort erlaubt sein – ist »göttlich«. In den Exerzitien ist die Zeit dafür. Wie schauen mein Werk und mein Tag aus?

Das siebte und das letzte mal ist »gut« in der Schrift dreifach ausgezeichnet. Zum ersten trägt es die Bezeichnung »sehr«. In der Ursprache stammt »sehr« vom Nomen »die Kraft«, also: »es ist kräftig gut«. Zum zweiten: diesmal ist es genannt, als alle Schöpfung vollendet ist. Das ist nicht mehr eine Auswertung unterwegs, sondern eine endgültige Genehmigung. Drittens, »sehr gut« erscheint erst dann, als der Mensch da ist – wir, die wir diese Festellung vernehmen können. Diese letzte Wendung steht wie der Gipfel und die Vollendung für alle sieben. Man soll es wahr- und ernstnehmen.

Der Text ist auch durch den wiederholten Satz: »Es wurde Abend, und es wurde Morgen« gekennzeichnet. »Morgen« und »Abend« haben im Originaltext einen tiefen religiösen Sinn. Sie bezeichnen, nämlich, das Morgen- und Abendopfer, die tägliche Darbringung im Tempel. Es hat also in der Schöpfung selbst der Rhythmus der Liturgie und des Gebetes seine eigene Stellung. Die heilige Zeit für Gott ist von Anfang an in das Schöpfungsgeschehen eingebaut.

Der siebte Tag, der Tag des Herrn ragt heraus. Nur dieser »Tag« wird dreimal genannt, was sonst nicht der Fall ist. Dieser ist ebenfalls der einzige Tag, der gesegnet wird, und in der ganzen Schöpfung ist allein er unmittelbar von Gott »geheiligt«, heilig gemacht (Gen 2,3).

Für Gott verwendet der Text das hebräische »Elohim«, das seine Erhabenheit bezeichnet. Man findet das Wort in fast jedem Satz. Gott ist in der Schöpfung anwesend. Die Beschreibung ist eine Einladung und Ermutigung, Gottes Gegenwart in den Geschöpfen zu entdecken. Ein Grundsatz der ignatianischen Spiritualität heisst: »Gott suchen und finden in allen Dingen«. Im Exerzitienbuch, in der abschliessenden Betrachtung »zur Erlangung der Liebe« wird Ignatius dem Exerzitanten vorschlagen, die Anwesenheit Gottes zu betrachten, der in seinen Geschöpfen ständig am Werk ist.

In der biblischen Beschreibung ist Gott zunächst der Erschaffende. »Erschaffen« (bara) ist in der biblischen Sprache ein Gott vorbehaltenes Zeitwort. Es gehört nur zur Schöpfungstat Gottes. Es ist ein besonderer Ausdruck dafür, daß Gott jenes verwirklicht, was allein er tun kann. Das ist die Schöpfung im engeren Sinn: die Entscheidung zwischen Sein und Nicht-Sein.

Der Schöpfer ist sehr aktiv. Manchmal spricht Gott sein Wort aus und es geschieht so (Gen 1,3.9.11). Ein anderes Mal spricht Gott zuerst und dann macht er es (V.7,16,25). Er scheidet (V.4,7), segnet (V. 22,28 und Gen 2,3) und heiligt (Gen 2,3). Gott ruft den Namen aus und benennt das Erschaffene. So bei »Tag« und »Nacht« (V.5), »Himmel« (V.8), »Erde« und »Meer« (V.10). Gott gibt den Namen, spricht seinen Geschöpfen den Sinn des Daseins zu. Letztlich vollendet Gott sein Werk und ruht danach (Gen 2,2-3).

Gottes engagierte Tätigkeit ist reich, unterschieden und kreativ. Außerdem hat Gott in seinem Wirken Geduld und Ausdauer. Denn Licht und Finsternis, das Wasser und das Land waren bereits zu Beginn der Schöpfung da. Aber der Schöpfer kommt auf sie zurück, er will die Scheidung klar stellen, er will ergänzen, austatten und bereichern – mit Lichtern am Himmel, mit Lebewesen im Meer und am Land. Ähnlich ist es im geistlichen Leben: Auf das schon längst Erfahrene kommt man zurück, um es weiter zu bilden, um fortzuschreiten. Gott selbst, in seiner Tüchtigkeit, ist für uns ein Vorbild dabei. Zurück zu den Quellen, um der Vollendung näher zu kommen.

Der Mensch hat in der Schöpfung eine Sonderstellung. Gewöhnlich sagt man, daß im Text über die Schöpfung, Gott antropomorph, nach dem Bild des schöpferischen Menschen dargestellt ist. Die Absicht der Schrift scheint aber eine andere zu sein. Im nächsten Kapitel (Gen 2) bringt Gott vor den Menschen verschiedene Lebewesen, so daß der Mensch ihnen den Namen gibt. Und dies ist ursprünglich Gottes Tätigkeit. Die Bibel will nicht, daß das Gottesbild antropomorph sei, sondern sie verweist auf die gottähnliche Fähigkeit des Menschen, den Namen auszurufen, den Sinn zu geben. Es ist so. Das Wort eines Regierenden kann den Bau einer Waffenfabrik für den Krieg veranlassen. Es kann aber auch die Entstehung einer Glockengiesserei veranlassen, damit dann der Glockenklang Frieden verkünden und zum Gebet einladen kann.

Wenn die Beschreibung auf die Schöpfung des Menschen kommt, spricht Gott zum ersten Mal über sich selbst im Plural. Gott ist in seinem Wesen Gemeinschaft. Gott ist kein einsames Wesen, er ist in sich dialogisch, sagte M.  Buber. Der Mensch als Gottesebenbild ist deshalb für die Gemeinschaft geschaffen. Wer dem Anderen nicht begegnen kann, wer sein Leben nicht teilen kann, bleibt allein und Gott und Menschen fern.

Die Erschaffung des Menschen ist etwas Besonderes. Ihm kommt ein hervorgehobener Stellenwert zu. Das dafür vorbehaltene Wort der unmittelbaren schöpferischen Tätigkeit Gottes wird beim Menschen dreimal wiederholt. Dreimal sagt die Bibel auch, daß der Mensch Gott ähnlich, sein Bild ist. Christus hat einen guten Grund für seine Einladung: »Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« (Mt 5,48).

Die geistliche Berufung des Menschen ist schön und wirksam im dramatischen Aufstieg dargestellt. Gottes Wirken bringt mehr und mehr herbei. Aber als bereits das ganze Universum da ist, bleibt es irgendwie leer. Sogar die tätige Stimme des Herrn erschallt in die Leere der Welt hinein. Auch die zufriedene Auswertung des Schöpfers: »es ist gut« muß er für sich behalten. Erst wenn der Mensch in die Familie der Seienden mit eingeladen ist, gibt es unter den Geschöpfen einen Hörer des Wortes. Der Mensch – wir  können das Wort vernehmen und verstehen, wir können es aktiv empfangen und weiter vermitteln.

Schlussgebet:

Guter Gott, himmlischer Vater! Laß uns Deine schöpfersiche und erschaffende Kraft wahrnehmen, die uns auch heute das Leben schenkt. Laß uns in Freude Deine Stimme vernehmen und Dein Wort dankbar empfangen, Christus, unseren Herrn.

 

P. Niko Biliæ, S.J.