Ein Blick auf die Vollendung
Maria Himmelfahrt: Gedanken zum Einstieg in die Exerzitien

 

Johannes, der Lieblingsapostel, hat wohl an jenem Tag sich in Gedanken aufgehalten. In sein Gedächtnis kam das Bild, und aus den Tiefen der Seele stieg das Gebet hinauf. Er hatte die Mutter Jesu zu sich genommen, und jetzt ist sie gegangen. Ihre Stunde ist ebenso gekommen. Jetzt hat sie der Vater zu sich genommen. In seine Herrlichkeit. Ähnlich wie er den Sohn, den seinen und ihren, aufgenommen hat.

Der hl. Ignatius von Loyola beginnt die Exerzitien mit einem Paradox. Großmut und Begeisterung, die man eher als Frucht der Geistlichen Übungen bezeichnen würde, erwartet er vom Exerzitanten bereits zu Beginn. Ignatius darf das tun, wenn wir in den Exerzitien unseren Blick auf das Ende richten und die Augen auf der Vollendung, die wir erwarten, ruhen lassen. Die gewählten drei Jünger wurden auf den Berg der Verklärung eingeladen, um die Herrlichkeit ihres Herrn anzuschauen.

Zu Beginn der Exerzitien fragen wir nicht so sehr danach, was zu tun ist, was von unerledigten Dingen auf uns noch wartet. Wir schauen vielmehr dankbar darauf, was wir bereits erreicht haben, was uns auf unserem bisherigen geistlichen Weg geschenkt worden ist. Dadurch bekommen wir den beruhigten, zufriedengestellten Blick auf das letzte Ziel frei. In die ignatianischen Exerzieiten wird man bestens mit einer Schau auf die Vollendung eintreten.

Es geht für uns nicht darum, die Grundsätze zu deuten, sondern wir wollen – wenn auch skizzenhaft – das veranschaulichen, worauf wir bleibend hoffen, was auf uns als endgültige Erfüllung zukommt. Dieses Ende erweist sich auch als Grund für all die Mühe, die wir uns geben.

Wenn man Rosenkranz betet, findet sich unter den glorreichen Geheimnissen auch jenes: »der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat«. Dies ist das Mysterium unseres Glaubens und unserer Hoffnung, das wir am heutigen Hochfest gefeiert haben. Auf das Kreuz und die Auferstehung Jesu schauend, hat Gott das Leben der Seligen Jungfrau Maria in der Fülle aufbewahrt. Wie beim Wachs, das die Bienen – wenn auch in winzigen Mengen – mehr und mehr sammeln, reifte das irdische Leben Marias. Und in der Stunde, die Gott gewollt hat, ist die Kerze angezündet, damit sie für immer brennt. Die Mutter des Herrn ist in reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß beschenkt worden (vgl. Lk 6, 38).

In einem kroatischen Kirchenlied vom Herzen Jesu gibt es einen Satz darüber, daß im Herzen der Mutter Maria das Herz des Sohnes brennt und scheint. Tatsächlich bietet uns das Evangelium den bekannten Bericht über die Mutter, die mit dem empfangenen Jesus in ihrem Leib, Freude in das Haus ihrer Verwandten Elisabeth bringt. Am heutigen Festtag aber, während wir unseren Blick in die Höhe richten, dürfen wir erkennen, daß jetzt das Herz der Mutter in die Herrlichkeit des Herzens Jesu, des Sohnes, des Erlösers, empfangen ist. Die Herrlichkeit jenes Herzens, das mit einer Lanze durchbohrt wurde und danach mit dem neuen Leben für uns alle aufschien. Die Mutter Gottes, in den Himmel aufgenommen, erfreut sich der Fülle des Heils im Reichtum des Herzens Jesu.

Wir feiern das große Zeichen im Himmel. In diesem Zeichen ist unsere Hoffnung, daß unser Leben in Gott bewahrt ist. Das innere Auge unserer Seele sucht, die glorreiche Vision der mit Sternen des Himmels gekrönten Königin zu betrachten. Es handelt sich aber dabei um keine blitzende und blinkende Werbung, die unsere Aufmerksamkeit möglichst völlig auf sich ziehen und vereinnehmen will. Das große Zeichen im Himmel ist die Antwort, die wir im Wort Gottes vorfinden für unser tiefes Sehnen und Hoffen, vom Herrn bejaht und genehmigt. Denn unsere Trauer findet ihren Trost, unser Hunger und unser Durst nach Gerechtigkeit werden gesättigt werden, unsere Barmherzigkeit wird Erbarmen finden, unsere Freude wird vervielfacht werden. Dem reinen Herzen ist Gott selbst die Belohnung. Das große Zeichen sind unser Gebet und unser Vertrauen, daß jeder von unseren Schritten aufgenommen und gesegnet ist und uns zu unserem Ziel bei dem Herrn führt.

Maria ging still weg, so wie sie auch ständig gelebt hatte. Da waren keine Hundertschaften von Jüngern anwesend wie an dem Tag, als der Herr seine irdische Mission beendet hatte und zum Vater zurückkehrte. Nicht einmal die biblischen Schriftsteller haben den Lebensabschluß der Mutter Jesu festgehalten. Er blieb nur im bescheidenen, zurückhaltenden, glaubenden Gedächtnis der Kirche. Trotzdem: Während wir die in den Himmel Aufgenommene feiern, denken wir absichtlich auch an den glorreichen Tag, an dem der Menschensohn – nach eigenen Worten – mit den Engeln Gottes in Herlichkeit kommen wird. Deswegen dürfen wir heute ruhig und tief den Sinn und das Ziel anschauen, zu dem unser Lebenswandel uns führt. An diesem Ziel-Tag wird über uns das endgültige Urteil der Liebe ausgesprochen. Und dieses letzte Urteil Gottes ist der erste Schritt in die Exerzitien hinein. Ignatius schreibt: »Der Mensch ist dazu geschaffen, um Gott unseren Herrn zu loben, ihn zu verehren und ihm zu dienen, und um dadurch seiner Seele das Heil zu erlangen« (Exerzitien, 23).

Vor einem Jahr habe ich Folgendes erlebt: Mitten im Sommer auf einem Strand geschah ein Unglück. Ein Mann wollte aus dem Meer hinausgehen, dabei ist er ausgerutscht, gefallen und schwer verletzt. Grausam! Aber was für ein Trost war es, die jungen Menschen in der Nähe des Unfalls zu sehen, die sofort zu Hilfe kamen. Sogleich haben sie einen Arzt gefunden, der sehr schnell einen Rettungswagen organisierte. Auch nur ein wenig Einsatz kann das Leben retten. Maria, selig, die geglaubt hat, eilte ihrer Verwandten, die ein Kind erwartete, zu Hilfe. Die heutige Feier und unser Blick auf die Gottesmutter ist ein Vorschlag für uns. Schauen wir uns um: um wahrzunehmen, wo wir Unterstützung und Hilfe brauchen. Oder: Wer in unserer Nähe braucht uns als Stütze? Wer ist schwer gefallen, wer hat blutige Wunden? In den Exerzitien geht es um das ignatianische »ayudar las almas« – den Seelen helfen. Der eigenen und der Seele der Mitmenschen. Wie die selige Gottesmutter dürfen wir durch Gebet, durch unsere Anwesenheit und Aufmerksamkeit, durch die spirituelle Arbeit helfend beistehen. Gott selbst bürgt für die endgültige Heilung. Wir sind die tätigen Zeugen seines Wirkens.

Als alle Apostel im Obergemach beisammen waren, die Muter Maria war mit ihnen. Sie hat sicher die Jünger Jesu im Gebet geleitet, wie sie auch Tausende, die an Christus glauben, durch Jahrhunderte leiten wird. Die Jünger haben mit Ehrfurcht und Erwartung auf sie geschaut. Sie haben wohl das Geheimnis gekannt, über das die Mutter nicht gesprochen, aber im Herzen nachgedacht hat. Und dies war an ihr zu sehen. Der hl. Ignatius sagt im Exerzitienbuch, daß es vernünftig ist, besinnlich anzunehmen, daß der Auferstandene sich, sogar zuerst, seiner Mutter geoffenbart hat. Deswegen konnte sie den Aposteln die Inspiration und Stütze im Glauben sein. Die Apostel sind nicht wiederum in Angst geflohen an jenem Tag, als plötzlich vom Himmel her ein Brausen kam, und es erschienen ihnen die Zungen wie Feuer (vgl. Apg 2, 2-3). Was die mutige Muttergottes viel früher bei der Begegnung mit ihrer Verwandten gemacht hat, haben dann die Apostel am Pfingsttag zum ersten mal öffentlich in der heiligen Stadt Jerusalem getan. Denn in allen Sprachen hat man gehört, wie sie die großen Taten des Mächtigen verkünden (vgl. Apg 2,11).

Vor der Himmelfahrt, in der Leidensstunde unter dem Kreuz, hat Maria auf das Wort Jesu uns alle als Kinder angenommen. Der Lieblingsapostel Johannes steht für alle ihre geistlichen Kinder. In diesen Tagen der Gnade wollen wir liebevoll der eigenen Seele Halt und Stütze geben, daß sie in die heiligen, umarmenden Hände – des Vaters und der Mutter – kommen kann.

P. Niko Biliæ, S. J.