Das Altargesetz
Gott soll verehrt werden (Ex 20,20-26)

Ewiges Wort, eingeborener Sohn Gottes,
lehre mich die wahre Großmut.
Lehre mich dir dienen, wie du es verdienst,
geben, ohne zu zählen,
kämpfen, ohne meiner Wunden zu achten,
arbeiten, ohne ruhe zu suchen,
mich einsetzen, ohne einen anderen Lohn zu erwarten
als das Bewußtsein, deinen heiligen Willen erfüllt zu haben.

dem hl. Ignatius von Loyola zugeschrieben

Bereits wegen seiner Stellung in der Heiligen Schrift hat der Abschnitt mit dem sogenannten Altargesetz eine große Bedeutung. Er steht mitten in der Tora, der Weisung des Herrn. Gleich nach den grundlegenden »Zehn Worten« (Ex 20,1-17) und der erschütternden Theophanie am Sinai (Ex 20,18-21) schließt das Altargesetz das zwanzigste Kapitel des Exodus ab und dient mit zur Eröffnung des Bundesbuches.

Die zentrale Botschaft dieses Altargesetzes ist, daß Gott verehrt werden soll. Das Gesetz ist als ein Gotteswort an Mose gestaltet. »Der Herr sprach zu Mose« (V.22a) steht als Einleitung. Unmittelbar vorher durfte Mose als Mittler für das fernstehende Volk in die unverfügbare Nähe Gottes kommen, die mit einer dunklen Wolke dargestellt war. Jetzt wird auf ihn ein doppelter Anspruch gestellt: Mose soll zum Volk reden und er soll einen Altar bauen. Das Altargesetz ist so aufgebaut, daß innerhalb vom Wort Gottes an Mose, die Botschaft für das versammelte Volk erscheint. Die Worte, die Mose zu verkünden hat, soll man also als Worte, die im Auftrag gesprochen werden ansehen. Das »Ich« von Mose wird als das »Ich« Gottes in Anspruch genommen. Seine Hörer sollen verstehen, daß sich es dabei um Gott selbst und nicht um Mose handelt.

In dieser Ansprache Jahwes steht zuerst der Hinweis auf die ergangene Rede. »Ihr habt gesehen, daß ich vom Himmel her mit euch geredet habe.« (V.22b) Danach folgt der nachdrückliche, negative Befehl bzw. ein Verbot: »Ihr sollt euch neben mir keine Götter aus Silber machen, auch Götter aus Gold sollt ihr euch nicht machen.« (V.22b-23).

Der positive Befehl zum Altarbau ist nachher unmittelbar an Mose gerichtet: »Du sollst mir einen Altar errichten« (V.24a). Dieser Befehl findet sogleich seine Begründung und Sinngebung. Denn auf dem Altar sollen die Brandopfer und Heilsopfer dargebracht werden. Und der Herr verpflichtet sich: »An jedem Ort, an dem ich meinem Namen ein Gedächtnis stifte, will ich zu dir kommen und dich segnen« (V.24b)

Das zweimalige »nicht machen« einerseits, daß Götzen aus Silber und Götzen aus Gold verbieten will und andererseits das »machen« im Befehl zum Altarbau sind entgegengesetzt. Diese Gegenüberstellung läßt die Beziehung von Verbot und Gebot als eine Korrektur lesen: Nicht die Götzenbilder aus teurem Edelmetall sind notwendig, sondern ein Altar, und zwar aus Erde, soll er »gemacht« werden. Von diesem einen Altar Moses ausgehend, wird dann sogleich auf alle Orte bezug genommen, wo Gott verehrt wird. Die Wendung, mit der sich Gott auf das menschliche »Du« einlässt ist intensiv und personal formuliert: »Ich will zu dir kommen und dich segnen.« Dieses Versprechen konkretisiert eine der zentralen biblischen Zusicherungen, die das Wesen Gottes offenbaren: »ich werde mit dir sein«. Somit ist eine Orientierung und Sinnbestimmung für kultische Handlungen dargeboten.

Darauf folgen wiederum zwei bewahrende und grenzbestimmende Gebote durch die Wendung »du sollst nicht« gekennzeichnet. Es steht nämlich: »Wenn du mir einen Altar aus Steinen errichtest, so sollst du ihn nicht aus behauenen Quadern bauen. Du entweihst ihn, wenn du mit einem Meißel daran arbeitest. Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen, damit deine Blöße dabei nicht zum Vorschein komme« (V.25-26).

Die angeschlossenen Verordnungen deuten zweierlei an. Zum einen, das einleitende »Wenn« läßt den Freiraum erkennen, der der menschlichen Verantwortung von Gott anvertraut wird. Den Altar kann Mose auch aus Steinen bauen, die Nähe zu Gott soll aber geschützt werden und gewährt bleiben. Zum anderen zeigt sich in der letzten Verordnung die Fürsorge Gottes, daß der Mensch selber von Bloßstellung geschützt ist und sich selbst nicht zur Schande macht.

Der Herr fängt sein Wort an die versammelte Gemeinde mit dem Hinweis: »Ihr habt gesehen« (v.22) an. Die Eigenart des biblischen Glaubens besteht darin, daß man zu keinem magischen Sprung in das zwanghafte: »es muß geschehen!« gedrängt wird. Genausowenig wird man zur verkürzten intellektuellen oder nur oberflächlich gesprochenen Annahme verschiedener Einzelaussagen religösen Inhalts verpflichtet. Durch die Heilige Schrift ist der Mensch zu einem Erfahrungsglauben herausgefordert. »Ihr selbst habt gesehen« sagt der Urtext durch die Betonung des Subjekts. Nicht das Ungewisse, sondern das, was die Menschen »sehen« steht als Begründung für die Offenheit zum Wort Gottes. So ist es bereits in der Einleitung zum Offenbarungsgeschehen am Sinai. »Ihr habt gesehen, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.« (Ex 19,4) steht in der Schrift.

Wie wir oft gehört haben, geht es nicht um ein »glauben, daß...« sondern vielmehr darum, daß man aufgrund eigener Erfahrung auf Gott vertrauen kann. Gesehen-haben ermöglicht es, das Vertrauen zu haben. Wenn existenzielle Sicherheit durch das eigene Erleben und Vernehmen vermittelt wird, dann ist ein Grundbedürfnis des Menschen erfüllt. Das Basisvertrauen ist aufgebaut, das über unser Bekenntnis und unsere Worte hinaus in unserem Empfinden seinen Niederschlag findet.

Durch die Wendung »neben mir« innerhalb der Forderung, keine Götzen zu machen, ist die Verbindung zu jenem einführenden der Zehn Gebote erstellt: »Du sollst neben mir keine anderen Götter haben« (Ex 20,3). Es geht um die Einzigkeit Gottes: Gott ist einer. Außer ihm gibt es keinen wahren Gott. Die falschen Abgötter kann man beiseite lassen, auf sie ist kein Verlaß.

In den Zehn Worten (Ex 20,1-17) stellt Gott in einzelnen Geboten und Verboten auch Ansprüche an den Menschen. Die Anforderungen Gottes an den Menschen bestehen aber nicht darin, Unmögliches tun zu müssen.

Zuerst verlangte das Gebot, daß keine fremden Götter »mit ins Angesicht« Jahwes bzw. »ihm entgegen« in der Gemeinschaft der Söhne Israels existieren sollen (Ex 20,3). Das Altargesetz greift diese Forderung auf, geht aber einen Schritt weiter. Da wird nämlich erklärt, daß die Menschen keine Götter »machen« sollen. Dort geht es allgemein um ihre Existenz, hier ist vom Tun des Menschen die Rede. Neben allen realen und bedeutsamen Anforderungen, von den Menschen wird eben nicht verlangt, Götter zu machen.

Zum einen findet sich in diesem Verbot die Transzendenz Gottes aufbewahrt: Gott ist nicht machbar, er ist, so zu sagen, ein »Nichtmachbares«. In der klassischen Metaphysik hat man den Blick auf Gott im Gedanken von dem Nicht-entstandenen herausgearbeitet, der bei jedem Entstehen schenkend am Werk ist. Zum anderen gibt es in dieser Forderung eine Entlastung für den Menschen in der ihm anvertrauten Aufgabe. Die Bibel mutet bekanntlich dem Menschen vieles zu: die Volksgemeinschaft zu befreien wie bei Mose, das Land einzunehmen wie bei Josua, auch schreckliche Botschaften öffentlich zu verkünden, wie es die Propheten öfter tun müssen... Aber wir müssen nicht neben dem einzigen Gott noch andere Götter produzieren. Wir sind nicht verpflichtet noch welche zu erfinden. Der moderne Leistungsdruck findet hier eine Korrektur. Die Idealvorstellungen wollen etwa in der Politik oder in der Wissenschaft, die Not ganz bewältigt und die Zukunft restlos gesichert sehen. Das muß aber nicht so sein und ist auch nicht so. Der wahre und lebendige Gott, bei dem das endgültige Heil zu suchen ist, ist nur einer; alles andere ist kein Gott. Eine Gottheit braucht des Menschen Werk nicht zu sein. Ein Götze, der produziert wird, ist nicht der Schöpfer. Ein gemachter Gott ist kein Gott. Was gemacht werden soll ist ein Altar.

Und dabei muß Mose nicht unbedingt wirtschaftlich Wertvolles und Teueres zur Verfügung haben. Des Menschen wahres Goldstück ist Gott selbst. Einen Altar aus Erde soll Mose errichten. Das Gewöhnliche, das im alltäglichen Empfinden Niedrige – der Erdboden – reicht aus, um die Stätte, auf der Gott verehrt wird aufzubauen. Unser Herr sagte, daß die arme Witwe mehr gegeben hat, als alle andere Menschen. Der Altar ist die Hingabestätte des Menschlichen an Gott, ein Ort der Darbringung. Da lässt Gott selber seinen Namen gedenken.

Der Erdboden, die Adama, hat jedoch die Lebenskraft in sich: Die Pflanzen wachsen selbständig aus ihr. Die ganze Natur, die wir genießen dürfen, lebt in ihr. Dieses Gewöhnliche und Natürliche ist doch außergewöhnlich und wunderhaft. Die »Adama«, der Erdboden ist der Stoff aus dem der heilige Altar Gottes gemacht wird, sie ist das Baumaterial für Heiliges. Aus dem selben Stoff wurde am Anfang der Mensch gebildet: die »Adama« ist die Materie, aus der der Mensch durch den Lebensatem des Geistes seinen Bestand hat (vgl. Gen 2,7). Gott macht den Menschen aus der »Adama«, der Mensch soll Gott einen Altar aus der »Adama« machen.

Nicht nur »Mensch« sondern auch der Altar ist ein »Adam«. Beide sind Erdlinge, schwach und wunderbar zugleich. Deswegen wird Paulus schreiben können, daß wir ein Tempel des Heiligen Geistes sind (1 Kor 6,19), mit dem Schatz in zerbrechlichen Gefäßen (2 Kor 4,7). Deswegen darf auch Ignatius in den Exerzitien dem Leiter den wichtigen Hinweis geben, den freien Raum für den Exerzitanten und den Herrn zu lassen. Der Leiter soll den Schöpfer mit seinem Geschöpf und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn unmittelbar kommunizieren lassen (Exerzitien, 15). Sie sollen den Freiraum haben in dem sie miteinander unvermittelt umegehen können.

P. Niko Bilić, S.J.