Das neue Gottesvolk

Zur Struktur und Botschaft des Textes 1 Petr 2,1-10

Niko Biliæ

 

1. Einführung

Die vorliegende Schrift ist Ergebnis einer Bemühung, die zehn Verse aus dem Ersten Petrusbrief zu lesen und zu verstehen. Solche Arbeit ist immer eine Teilarbeit. Sie ist im Rahmen des NT-Seminars entstanden, wo wir gemeinsam beide Petrusbriefe und Judasbrief Schritt für Schritt untersucht haben. In diesem Rahmen, in der Reihe vieler anderer Beiträge, ist auch ihr Standort.

Die ersten Seiten der vorliegenden Abhandlung widmen sich üblicherweise der formalen Seite des biblischen Textes. Im Dreierschritt wird seine literarische Gestaltung näher untersucht. Zuerst (2.1) werden die Worte angeführt, die sich unmittelbar auf die Adressaten des Briefes beziehen. Danach (2.2) werden Anfang und Ende und die literarische Mitte des Textes bestimmt. Wunderhafterweise hat dieser Text in der sozusagen geometrisch präzisen Mitte (v5) den Namen Jesu Christi. Als Ergebnis (2.3) der formalen Betrachtung wird der Text in drei Abschnitte gegliedert (v1-3.4-8.9-10). Dazu helfen vier Elemente, die sich im Text wiederholen: Partizip, Imperativ, Absichtsangabe, Zitate aus AT.

Der zweite Hauptteil der vorliegenden Arbeit ist auf die inhaltlichen Schwerpunkte ausgerichtet. Zunächst wird in jedem der drei Abschnitte ein Hauptthema aufgespürt. Aus dem 1 Petr 1 stammt das Thema 'Neuzeugung', das im v1-3 aufgegriffen und durch 'Wachstum' ergänzt wird (3.1). Ein blick auf 'Bauen' und den neuen 'Eckstein' steht in v4-8 in der Mitte des Interesses (3.2). Ein neues 'Volk Gottes' (3.3) ist die zentrale Feststellung des dritten Abschnittes v9-10. Einen besonderen Schwerpunkt des Textes stellen die vielen Bezüge aus AT dar, die eignes untersucht werden. Im relativ kurzen Text aus dem Petrusbrief sind etwa zwölf Schriftstellen zitiert (Ex 19,5-6; Ps 34,9; 118,22; Jes 8,14; 28,16; 43,20; Hos 1,6.9; 2,1.3.25), die im Anhang angeführt werden. Das 'Kosten' aus dem Psalm passt in das Bild des ersten Abschnittes (4.1), die Beziehung zum 'Stein' im zweiten Abschnitt bestimmt die Grund­unterscheidung zwischen Glauben und Nichtglauben (4.2). Die vielen Titel aus der Schrift bezeichnen das neue Volk Gottes (4.3). Der Umgang des Textes mit den Zitaten aus AT, durch Wandlung und Deutung geprägt, wird unter dem Stichwort 'Anwendung' verstanden. Es wird sich außerdem zeigen, dass nicht unbedingt und ausschließlich der griechische Text der Septuaginta als Quelle für 1 Petr steht, sondern auch das Hebräische vorausgesetzt werden kann.

Mehr persönlich ist das Anliegen der am Ende dieser Abhandlung (5) erarbeitet wird. Das ist ein Versuch, aufgrund des Textes, die Beziehung zum Petrus, dem Apostel aus dem übrigen NT  zu rekonstruieren und dadurch eine Skizze für die literarische Gestalt des Schreibers des Petrusbriefes anzubieten.

2. Die literarische Gestalt des Textes 1 Petr 2,1-10

2.1 Die Kommunikation

Der Text 1 Petr 2,1-10 ist Teil eines Briefes und wendet sich direkt an den Leser. Es gibt darin acht Vokabeln, die in der grammatischen 2. Person, den Kontakt erstellen. Dies sind fünf Verben: evpipoqe,w (v2, "verlangen, sich sehnen"), auvxa,nw (v2, "wachsen"), geu,omai (v3, "kosten, schmecken"), oivkodome,w (v5, "bauen"), evxagge,llw (v9, "verkün­den"), und dreimal das Pronomen "ihr" - u`mei/j (v7 und 2x v9). Wie in der größten Mehrheit neutestamentlicher Briefe sind die Adressaten mit 2. Person Plural ange­spro­chen, was eine Gemeinschaft (bzw. Gemeinde) erkennen lässt.

Unser Text bevorzugt die Nominalbildungen, die eine Deklination zulassen. Wenn sie auf die Adressaten des Briefes bezogen sind, haben sie ebenso immer die Pluralform. So bestätigen auch diese Wörter, dass eine Gemeinschaft angesprochen ist, obwohl sie eher beschreiben und keine direkte Kommuni­kation darstellen. Dazu gehören zunächst fünf Partizipien, je Nominativ Plural: von avpoti,qhmi (v1, "ablegen"), prose,rcomai (v4, "herzutreten"), za,w (v5, "leben"), evlee,w (v10, "sich erbarmen"); des Weiteren: der Adjektiv avrtige,nnhta (v2, "neugeboren"), das Pronomen auvtoi. (v5, "sie selbst") und das Nomen li,qoi (v5, "die Steine").

Hierher sind auch die Nomina zu zählen, die ihrem Sinn nach eine Vielzahl be­deuten und sich im Text auf die Adressaten beziehen. Dies sind: ge,noj (v9, "Geschlecht"), i`era,teuma (v9, "Priesterschaft"), e;qnoj (v9, "Nation") und 3x lao,j (v9.10, "Volk").


Die Adressaten
direkt angesprochen

Die Adressaten beschrieben

Zeitwörter in 2. Pers. Pl.

evpipoqh,sate (v2)

auvxhqh/te (v2)

evgeu,sasqe (v3)

oivkodomei/sqe (v5)

evxaggei,lhte (v9)

 

Personalpronomen 2. Pers. Pl.

u`mi/n (v7)

u`mei/j (v9)

u`ma/j (v9)

Partizipien:

avpoqe,menoi (v1)

proserco,menoi (v4)

zw/ntej (v5)

hvlehme,noi (v10)

evlehqe,ntej (v10)

 

Adjektiv:

avrtige,nnhta (v2)

 

Pronomen:

auvtoi, (v5)

Nomen in Pl.:

li,qoi (v5)

 

Nomina mit semantischer Vielzahl:

ge,noj (v9)

i`era,teuma (v9)

e;qnoj (v9)

lao,j (v9) 3x

Das Ergebnis zeigt, dass die Adressaten mit acht Vokabeln direkt angesprochen sind, während sie mit vierzehn Belegen eher neutral beschrieben werden. Auf diesem Hintergrund wirkt die stilistisch ohnehin intensive Voranstellung des Personalpronomens in v7 (u`mi/n ou=n)))) und v9 (~Umei/j de.)))) noch stärker. Die erste Stelle im Satz betont das Kommunikationsgeschehen und macht ein Gegengewicht zur Beschreibung.

2.2 Abgrenzung und Aufbau

Durch das ou=n ("also" 1 Petr 2,1) wird der Text als Folge von dem im Voraus gesagten verstanden und c2 bleibt mit dem c1 auch formal verbunden.[1] Der ganze Text dient als Abschluss für die Einleitung in den Brief, die sich von 1,1 bis 2,10 durchzieht. Durch den Rückgriff auf das Stichwort parepidh,moj ("Fremdling") aus 1,1 wird 2,11 von unserem Text getrennt und macht einen Neuanfang.

Die Eröffnung von 1 Petr 2,1-10 geschieht mit einer Liste von negativen Eigenschaften die es abzuwerfen gilt: Die Nomina kaki,a ("Bosheit") und do,loj ("Betrug") sind in Singular angeführt. Daneben stehen u`po,krisij ("Heuchelei"), fqo,noj ("Neid") und katalalia, ("übles Nachreden, Verleumdung") in Plural. Dreimalige Verwendung von pa,j ("ganzer, jeder") in dem einzelnen ersten Vers ist ein Hinweis, dass die Liste als universal gemeint ist. Die Aufzählung geschieht in Form eines sog. Lasterkatalogs, der hier nicht so ausführlich ist wie in anderen ntl. Beispielen (Mk 7,21f; Röm 1,29-31 usw.). Brox[2] bemerkt, dass sich diese konventionelle Aufzählung summarisch auf "frühere Leidenschaften" (1 Petr 1,14) bezieht, die wiederum in 4,3 zur Sprache kommen werden. "Es ist typisch für den 1 Petr, dass menschliches Leben und Handeln unter der Rücksicht mitmenschlichen Existierens beurteilt wird."[3]

Das Ende des Textes ist im v10 durch die Wiederholung der Stichworte lao,j ("Volk") und evlee,w ("sich erbarmen") gekennzeichnet. Beide Vokabeln kommen im letzen Vers zweimal vor. Der Text bekommt einen Abschluss auch durch die dreifache Gegenüberstellung der Kon­traste in einem Vers: Dem, was einst war, wird die gegenwärtige Situation entgegen­gestellt (po,te nu/n). Dem "Nicht-Volk" steht das "Volk" gegenüber (ouv lao,j lao,j). Diejenigen, die in der Vergangenheit nicht im Erbarmen standen, sind in neuer Situation, die bereits eingetreten ist (ouvk hvlehme,noi evlehqe,ntej). Aorist drückt jenes aus, was gerade geschehen ist: jetzt sind sie im Erbarmen. Die passive Form stellt das Subjekt als Objekt vom Passivum divinum, als Objekt des göttlichen Erbarmens.

In der Mitte des Textes 1 Petr 2,1-10 steht der Name Jesu Christi (v5). Auch für den Aufbau dieses Textes hat er eine tragende Rolle. Christus steht auch für die Struktur dieses Textes wie der "Eckstein" aus der Beschreibung.

2.3 Die Gliederung

Im Text 1 Petr 2,1-10 lassen sich drei kleinere Abschnitte unterscheiden (v1-3.4-8.9-10), die durch vier Elemente bestimmt werden: 1) Partizip, 2) Imperativ, 3) Absichtangabe, 4) Zitate aus AT.

2.3.1 Der erste Abschnitt: 1 Petr 2,1-3

In den v1-3 gibt es zunächst ein Partizip: avpoqe,menoi (v1). Das Partizip Aorist kann als "ablegend", oder besser "abgelegt habende" buchstäblich verstanden werden, wird aber gewöhnlich, in Angleichung an das nächste Element, mit einem Imperativ in den Übersetzungen wiedergegeben[4]. Im nächsten Vers kommt ein Imperativ vor: evpipoqh,sate (v2). Der Brief drückt den Wunsch oder den Auftrag an die Adressaten aus: "verlangt nach". Im weiteren Text wird dann die Absicht und Zielrichtung angegeben. Die Absichtangabe ist an der geeigneten Konjunktion i[na ("damit") und richtungweisenden Präposition eivj ("zu, auf das hin") leicht zu erkennen. Die Zielrichtung, im Nebensatz ausgedrückt, besteht aus zwei Elementen: i[na))) auvxhqh/te ("damit ihr zum Wachsen kommt") und eivj swthri,an ("auf das Heil hin"). Das erste Element bezieht sich auf das Geschehen, das in den Adressaten vor sich gehen soll. Das zweite bestimmt das Ziel dieses Geschehens. Die passive Form von auvxa,nw, wiederum ein Passivum divinum, bedeutet, dass die Angesprochenen zum Heranwachsen gebracht werden. Ihr Wachstum ist ein Geschenk Gottes. Letztlich kommt in v3 eine Art Begründung aus dem Alten Testament.

2.3.2 Der zweite Abschnitt: 1 Petr 2,4-8

Die vier Elemente sind auch im nächsten Abschnitt erkennbar. Sie kennzeichnen in derselben Reihen­folge den Text 1 Petr 2,4-8, der hier als zweiter Abschnitt verstanden wird. Ein Partizip befindet sich zu Beginn von v4. Diesmal steht in Präsens: proserco,menoi – "herzutretend". Der Imperativ ist wohl in oivkodomei/sqe "lasst euch aufbauen" (v5) zu erkennen, obwohl die griechische Kontrakt-Form auch dem Indikativ (Präs. Pass.) entspricht und kann als "ihr werdet aufgebaut" gelesen werden. Die Absicht und Zielrichtung ist diesmal mit einem Infinitiv angegeben: Der Aorist Infinitiv von avnafe,rw kann in der Form des Infinitivus absolutus als ein Absicht angebender Nebensatz verstanden werden: "um darzubringen". Dies entspricht derselben Funktion, die ein ausgeführter i[na-Nebensatz mit Konjunktiv (v2) im ersten Abschnitt hatte.

In den Versen 1 Petr 2,6-8 folgt dann eine Erklärung aus dem AT. Diesmal gibt es eine ausdrückliche Einleitung für das Zitat: dio,ti perie,cei evn grafh/| "denn es ist enthalten in der Schrift". Goppelt[5] versteht dio,ti als kausale Einleitung, an v5 angeschlossen. Die atl. Zitate sollen die vorausge­hen­de Anforderung, sich auf den lebendigen Stein erbauen zu lassen, im AT verankern. Brox bemerkt, dass hier kein eigentlicher Schriftbeweis vorliegt, wohl wird dieselbe Aussage weitergeführt und nachträglich gedeutet.[6]

Die Verbindung zum ersten Abschnitt ist durch das Stichwort lo,goj aufbewahrt. Im Unterschied zu den Nichtglaubenden, die dem Wort gegenüber ungehorsam sind (lo,goj v8), die Adressaten des Briefes sollen das Wort nicht nur annehmen, sondern ihn als lebensnotwendigen Trank begierig aufnehmen (lo,gikoj v2).

2.3.3 Der dritte Abschnitt: 1 Petr 2,9-10

Beim letzten Abschnitt 1 Petr 2,9-10 fehlen zwei erste von den vier Elementen (Partizip und Imperativ), so hat er nicht mehr dieselbe Struktur. Hier befinden sich die die Zitate aus AT vom Beginn an. In einem nominalen Haupt­satz wird der Zustand beschrieben, der bereits erreicht ist. Ein Imperativ ist deswegen gar nicht mehr notwendig. Die Angabe der Zielrichtung bleibt auch im dritten Abschnitt ein konstitutives Element. Die Absicht ist wiederum in einem Nebensatz angegeben, wie es im ersten Abschnitt der Fall war. Das erkennbare Zeichen für die Absichtangabe ist diesmal die Konjunktion o[pwj ("damit" v9).

Der letzte Abschnitt knüpft an die Gegenüberstellung von Glaubenden und Nicht-glaubenden (pisteu,wntej avpistou/ntej v7) aus dem vorausgehenden Abschnitt v4-8 und widmet sich den Ersten, den Glaubenden. Das sind die Adressaten des Briefes, die alle drei Abschnitte verbinden.

Dass dieser Abschnitt einen Abschluss darstellt vermag auch die Dynamik des Textes zeigen. In zwei vorangehenden Abschnitten gab es nämlich jeweils einen Vergleich, der mit w`j (v. 2.5) gekennzeichnet ist. Die angesprochenen Zuhörer sollten "wie" neugeborene Kinder, "wie" lebendige Steine sein. Im letzten Abschnitt geht es nicht mehr um das Vergleichen. Der letzte Abschnitt bringt eine direkte Aussage: Die Adressaten sind "Geschlecht", sie sind "Priesterschaft", "Nation", "Volk" usw. Früher war etwas angestrebt, wünschenswert und empfohlen. Hier wird die Wirklichkeit festgestellt. Die ersten zwei Abschnitte beinhalten eine Dynamik die auf Wachsen und Aufbauen hinausläuft. Der dritte Abschnitt bringt die Beruhigung und Lösung im erreichten Zustand.

Merkwürdigerweise werden alle drei Abschnitte literarisch durch Christus zusammengehalten. Ähnlich wie Christus mit Namen in der Mitte des Textes steht, ist er bereits im ersten Abschnitt in der Anwendung des atl. ku,rioj zu finden. Den zweiten Abschnitt durchdringt er als "li,qoj" und acht zugehörigen Vokabeln: zw/n, avpodedokimasme,noj, evklekto,j, entimoj, avkrogwniai/oj, kefalh, gwni,aj, li,qoj prosko,mmatoj, pe,tra skanda,lou, die ihn näher bestimmen. Im dritten Abschnitt ist Christus wohl im Stichwort fw/j zu erkennen und somit trägt den Text.

 

3. Die inhaltlichen Schwerpunkte in 1 Petr 2,1-10

3.1 Neugeburt und Heranwachsen (1 Petr 2,1-3)

Der erste Abschnitt v1-3 konzentriert sich auf die Idee der Neugeburt und des Heran­wachsens. Diese Idee knüpft an die Neuzeugung aus dem c1. Dort steht einmal in erster Person: "o` qeo.j avnagennh,saj h`ma/j" (1,3). Ein zweites Mal steht bereits ein Partizip für 2. Person Plural gemeint: "avnagegennhme,noi…" (1,23). Das Thema der Neugeburt ist in 1 Petr 2,2 durch drei Stichworte aufgenommen: avrtige,nnhtoj, bre,foj und ga,la. Das Thema 'Wachstum' ist semantisch entsprechend im Zeitwort auvxa,nw ausgedrückt. Im Adjektiv avrtige,nnhtoj (v2) findet sich der aus 1,3.23 übernommene Stamm genna,w ("gebären") wieder. Er ist mit dem Adverb a;rti ("jetzt, derzeit") zusammengesetzt und bezeichnet das eben jetzt geborene Kind. Das Thema der Neugeburt ist weiter im Bild eines Säuglings (bre,foj v2) veranschaulicht. Es ist dasselbe griechische Wort für Kleinkind, das in den Evangelien für das Kind Jesu in der Krippe gebraucht wird (Lk 2,12.16). Die Milch (ga,la) ist eine Anwendung der bekannten Versprechung Gottes aus dem AT, die sich zum ersten Mal gleich bei der Sendung Moses befindet: "Ich werde das Volk in eine Land hinaufführen, das von Milch und Honig überfließt" (Ex 3,8). Das Bild bleibt im AT anwesend. Hier ist, nach Brox, das Bild durch Imperativ e`pipoqh,sate getragen und folgendermaßen zu deuten: die Adressaten des Petrusbriefes sollen sich "so intensiv und 'hungrig' um das Wort der unverfälschten Wahrheit bemühen, wie der Säugling mit aller ihm möglichen Vitalität nach der für sein Gediehen notwendigen Milch verlangt und dadurch an Leben und Gewicht zunimmt (auvxa,nw)". [1] Es handelt sich um ein Bild des vital sich äußernden Hungers beim Säugling, das auch die Abhängigkeit wachsenden Lebens von der richtigen Nahrung zeigt. [2]

3.2 Stein und Bauen (1 Petr 2,4-8)

Der zweite Abschnitt v4-8 konzentriert sich auf das Bild vom Stein und vom Bauen. Im Text ist es zunächst in jedem Vers mit li,qoj (v4.5.6.7.8) und zweimal mit oivkodome,w (v5.8) vertreten. Das Bild ist zusätzlich mit oi;koj (v5), avkrogwniai/oj (v6) und mit kefalh, gwni,aj (v7) angedeutet.

Dieser Abschnitt führt die deutliche Unterscheidung ein. Auf der einen Seite stehen die Adressaten des Briefes: Sie kommen zu lebendigen Stein (v4) und sind so wie er selber ist: lebendige Steine (v6). Aus ihnen wird ein dem Pneuma entsprechendes, ein Geist-artiges Haus gebaut (v5). Das Haus wird zur heiligen Priesterschaft (v5). Sie sind die Glaubenden (v7) wie der, der an den Stein glaubt und nicht zuschanden wird (6). Ihnen gehört die Ehre oder die Kostbarkeit (v7), die in dem von Gott erwählten Stein enthalten ist (v4.6). Auf der anderen Seite sind die Nicht-glaubenden, die den lebendigen Stein verworfen haben (v4.7). Für sie ist er ein Stein des Anstoßes (v8). Sie sind nicht gläubig (v7) und nicht gehorsam (v8). Sie kommen zu Fall (v7). Die Perspektive der Polarisierung zwischen Glaubenden und Ungläubigen dominiert bis einschließlich v8, [3] was die formale Einteilung dieses Abschnittes bekräftigt.

pisteu,ontej

«

avpistou/ntej

liqoj zwn v4 = liqoi zwntej v6

avpodokima,zw v4.7

li,qoj prosko,mmatoj v8

pe,tra skanda,lou v8

oi=koj pneumatiko,j v5

® i`era,teuma a[gion v5

o` pisteu,wn evpV auvtw/ v6

® toi/j pisteu,ousin v7

avpiste,w v7

avpeiqe,w  v8

e;ntimon v4.6 ® timh, v7

pro,skoptw v7

 

3.3 Das neue Gottesvolk (1Petr 2,9-10)

Der abschließende Abschnitt v9-10 widmet sich den Ersten aus der vorausgehenden Unterscheidung. Sie sind, wiederum dem lebendigen Stein ähnlich, erwählt (evklekto,n v4,6,9). Das im zweiten Abschnitt angekündigte Bild von Priesterschaft (i`era,teuma v5) wird hier direkt auf die Adressaten angewandt (v9), diesmal ohne den Abstand zu dem erst Anzustrebenden. Dort war das Priestertum die beabsichtigte Zielangabe, hier ist bereits angetroffene Zustand.

Die Adressaten werden mit sechs Motiven identifiziert, die aus AT stammen. Sie sind: ein erwähltes Geschlecht (ge,noj evklekto,n), eine königliche Priesterschaft (basi,leion i`era,teuma), eine heilige Nation (e;qnoj a[gion), ein Volk zum Bestiztum (lao,j evij peripoi,hsin), kein Volk – Volk Gottes (ouv lao,j lao,j qeou/), nicht im Erbarmen – im Erbarmen (hvlehme,noievlehqe,ntej). In der Mitte befindet sich ihre Aufgabe oder Beauftragung zur Verkündigung.

Dieser Abschnitt, schreibt Brox, "bietet eine Fusion von verschiedenen biblischen Formulierungen". Alle Bilder zentriert der Petrusbrief "um die Idee, dass die Kirche das Volk Gottes ist, von dem in der Schrift die Rede ist" [4] . Dieser abschließende Abschnitt ist, ähnlich dem vorausgehenden, deutlich am "Thema des erwählten und heiligen Gottesvolkes" [5] orientiert.

 

4. Die Anwendung des AT in 1 Petr 2,1-10

4.1 "Gekostet" (1 Petr 2,1-3)

Der Abschnitt v1-3 bringt (in v 3) ein Zitat aus der ersten Vershälfte von Ps 34,9. Das "Kosten" (~[j bzw. geu,omai) bleibt im Bild der Milch, die getrunken wird, und wird übernommen, das "Sehen" bleibt aus. Die einführende Konjunktion eiv verstehen die Ausleger [6] kausal, nicht konditional, wofür auch die Indikativform des Zeitwortes spricht. Dies würde dem hebräischen Ge­brauch von yk entsprechen, das zunächst "denn", dann auch "falls" bedeutet. So wäre eiv hier ein Hebraismus.

 

4.2 Glaube und Nichtglaube (1 Petr 2,4-8)

Der zweite und längste Abschnitt v4-8 beruht auf drei Zitaten aus AT, die durch "Stein" (!ba, li,qoj) verbunden sind. Die zwei Schriftstellen Ps 118,22 und Jes 28,16 werden zunächst (v4-5) in Stichworten (li,qoj, avpodokima,zw, evklekto,j, e;ntimoj) vorweggenommen. Danach, in v 6-8 wird aus Jes 28,16 und Ps 118,22 ausdrücklich zitiert und die zwei Schriftworte werden durch noch ein drittes aus Jes 8,14 ergänzt. Petrusbrief (v6) lässt aus Jes 28,16 die einführende "Botenformel" (ou[twj le,gei ku,rioj) aus, versteht also grafh, als Wort Gottes.

Von Jes 28,16 übernimmt 1 Petr aus der ersten Vershälfte li,qoj mit drei Adjektiven (avkrogwniai/wn, evklekto,n, e;ntimon) und die ganze zweite Vershälfte nach der, vom Hebräischen, abweichenden LXX Fassung. Das Zeitwort evmba,llw ("hineinwerfen") für den Stein wird zu ti,qhmi, wodurch die Angleichung an v1 und v8 erstellt ist. Die Betonung durch Personalpronomen evgw wird nicht übernommen. Die Beschreibung in LXX mit eivj ta. qeme,lia entspricht mehr dem hebräischen dsy ("Grund legen"). Dass der Glaubende dem Stein (evpV auvtw/|) seinen Glauben schenkt und dass er nicht zuschanden wird (kataiscu,nw) ist eine Deutung, die LXX dem hebräischen Jesajatext gibt. Die Adressaten des Briefes werden dem Glaubenden gleichgesetzt (v7).

Der Gegenpol sind die Nichtglaubenden, auf die ein wörtliches Zitat aus LXX Ps 117,22 angewandt wird, der treue Übersetzung des Hebräischen (Ps 118,22) ist. Der Stein, den Jahwe nach Jesajas Prophezeiung in Zion legt, wird in 1 Petr dem Stein aus dem Psalm gleichgesetzt. Die "Bau­leute", allgemein als "Menschen" gedeutet, haben ihn "verworfen" (v4.7). Bei Gott ist er erwählt und ehrwürdig (v4.6). Durch Gottes Wirken, das in Passivform evgenh,qh ausgedrückt wird (Ps 118,22; 1 Petr 2,7, nicht evge,neto), ist er ein Grundstein geworden.

Dieses Zitat erstellt eine Verbindung zum Gleichnis von Weingärtnern in den Evangelien. Dasselbe Bild hat Jesus aus dem Psalm entnommen, um den Höhepunkt seiner Sendung darzustellen (Mt 21,42; Mk 12,10-11; Lk 20,17). Dadurch wird 1 Petr nicht nur in den Evangelien verankert. Nämlich, ist nicht für den Leser das Christi Wort der einzige Anhaltspunkt dafür, dass der "Stein" als Christus zu verstehen ist?

In 1 Petr 2,8 werden zwei Wendungen aus Jes 8,14 zitiert, die die Beziehung zwischen dem Stein und dem Nichtglaubeneden deuten. Hier scheint der Petrusbrief den hebräischen Text vor sich zu haben, während LXX eigens vorgeht und im erweiterten Satz den Steinvergleich mit Voranstellung der Negation umgekehrt deutet. In 1 Petr 2,8 dient Jes 8,14 als Erklärung dazu, dass "Stein" im übertragenen Sinn verwendet ist: Dies ist bereits im AT der Fall, wo sich das Bild auf Jahwe bezieht.

Die Absichtsangabe in diesem zweiten Textabschnitt stammt ebenso aus dem AT. Semantisch beruht die Vorstellung von avnene,gkai ("in die Höhe bringen, emporheben") auf dem atl. Zeitwort hl[, das ein Fachausdruck für die Opfer ist.

 

4.3 Das neue Gottesvolk (1 Petr 2,9-10)

Der dritte und kürzeste Abschnitt v9-10 hat die meisten AT-Bezüge und wird auch dadurch als Abschluss für unseren Text bestätigt werden. Sechs (bzw. acht) Ti­tel werden aus drei atl. Büchern angeführt: Exodus, Jesaja, Hosea. Die Wendungen sagen zentral Israels Erwählung, Heiligung und Sendung aus. "Sie werden ohne direkte Zitierung ausgewählt, neu komponiert und mit erklärenden Bemerkungen verwoben." [7]

Die erste Doppelbezeichnung ge,noj evklekto,n befindet sich in einem Wort Jahwes über Israel (Jes 43,20). Im hebräischen Original hat sie jeweils den Suffix der Zugehörigkeit in der 1. Person des sprechenden Gottes (yryxb ym[ – "mein Volk, mein auserwähltes"). Septuaginta bezeichnet die Zugehörigkeit nur noch beim Nomen, das sie allerdings mit ge,noj (nicht lao,j) wiedergibt. Der Petrusbrief lässt auch dies aus und liest allgemein. Da es außerdem keinen konkreten Bezug auf den Kontext von Jes 43,20 kann diese erste Bezeichnung ein, bis heute gültiger, theologischer Titel sein.

Zwei nächste Doppelbezeichnungen sind mitten aus der Tora entnommen. Sowohl basi,leion i`era,teuma als auch e;qnoj a[gion sind in Ex 19,6 in den Worten Gottes zu finden, die Mose an Israel verkünden soll. Denselben Vers wiederholt LXX als eine Art Einschub in Ex 23,22. Brox liest, unter Berufung auf Eliott, auch basi,leion als Nomen [8] , was dem einzigen anderen Beleg im NT (Lk 7,25) und dem hebräischen Nomen in der Constructus-Verbindung entsprechen würde (~ynhk tklmm – "ein Königreich von Priestern" Ex 19,6). Der ausgesprochenen Vorliebe unseres Textes für Adjektive widerspricht dies, inhaltlichen Unterschied macht es aber kaum aus.

Das Nomen i`era,teuma wird im NT nur in 1 Petr 2,5.9 verwendet und ist "eine in der übrigen Gräzität nicht nachzuweisende Bildung der LXX" [9] . Diese Bezeichnung, die bereits in LXX (Ex 19,6; 23,22) die hebräische Pluralform zum Singular bzw. Kollektiv macht, hat größtes Gewicht in der Theologiegeschichte. [10] Es wurde sowohl für, als auch gegen die Institution der Priester in der Nachfolge Christi verwendet. Im Petrusbrief steht i`era,teuma zunächst in der Reihe der Anwendungen der Schrift und wird mit der Absichtangabe dieses dritten Textabschnittes wesentlich bestimmt. Das Doppelbild basi,leion i`era,teuma ist aus dem Quelltext Ex 19,6 metaphorisch übernommen als "Ausdruck für die begünstigende Aussonderung durch Gott" [11] auf "Gottes wahres Volk bezogen" [12] .

Die andere Doppelbezeichnung e;qnoj a[gion beinhaltet im hebräischen Ursprung starke Aussage, dass ein "nichtheiliges" Fremdvolk (ywg) Gott geweiht, geheiligt wird (vdq). Dieser Titel aus Nomen und Adjektiv gebildet wiederspiegelt ohne Änderung den Ausdruck aus dem hebräischen (MT) und griechischen (LXX) Text des AT.

Die dritte Bezeichnung lao,j eivj peripoi,hsin erinnert zwar an griechische Wiedergabe von hlgs ("besonderes Eigentum", Ex 19,5). In LXX wird aber das Adjektiv periou/sioj ("eigen") verwendet, möglicherweise in Angleichung an Dtn, wo hlgs jeweils mit dem Nomen ~[ einen Doppeltitel bildet ("Eigentumsvolk", Dtn 7,6; 14,2; 26,18). Nur Mal 3,17 übersetzt hlgs mit dem Nomen peripoi,hsij ("Erlangung, Gewinnung") und der vorangestellten Präposition eivj (ohne jedoch das Nomen lao,j). Der Kontext in Mal 3,17 lässt wiederum an die andere Bedeutung denken, die peripoie,omai in der Bibel hat (z.B. Ex 22,17). Das griechische eivj peripoi,hsin kann nicht nur "zum Besitztum" bedeuten, sondern auch: "das am Leben zu lassen ist". Zumal diese Wendung im NT jeweils ein Genitivobjekt hat: swthri,a (1 Thess 5,9), do,xa tou/ kuri,ou (2 Thess 2,14), yuch, (Heb 2,9), und nur in 1 Petr absolut gebraucht wird.

In der Absichtsangabe 1 Petr 2,9 wendet der Petrusbrief an seine Adressaten das Gotteswort Jes 43,21 an. Der griechische Intentionalsatz ist eine Wiedergabe vom absoluten Infinitiv dihgei/sqai ("erzählen"), obwohl hier ein anderes Zeitwort genommen wird (evxagge,llw). Da beide Zeitwörter eine berechtigte Übersetzung von hebr. rps sind, ist hier auch ein Hinweis auf mögliches hebräisches Original für AT-Zitat zu sehen. Im evxaggellw wird die Wurzel von 1 Petr 1,25 aufgenommen: die Adressaten werden als Subjekte der avggeli,a, wie sie Objekte davon waren. Der Nebensatz bezieht sich auf alle vier Bezeichnungen.

 

Organigramm

 

 

Ursprünglich von Gott ausgesprochene Absicht (Jes 43,21) wird in dritter Person wiedergegeben. Gott und sein Wirken an den Lesern des Briefes werden auf originale Weise gedeutet mit Partizip von kale,w und Kontrast von sko,toj und fw/j. Die Aufnahme von qaumasto,j (Ps 118,23) in 1 Petr 2,9 erstellt noch eine Verbindung zu v7. Ähnlich wie der verworfene Stein zum Grundstein geworden ist, so sind die Adressaten aus der Dunkelheit ans Licht gebracht, sind Volk Gottes geworden, sind jetzt im Erbarmen.

In den letzten zwei bzw. vier Bezeichnungen übernimmt 1 Petr 2,10 die symbolischen Namen der Kinder vom Propheten Hosea. Die Namen deutet Gott als Symbole für "das gestörte Verhältnis" [13] zwischen ihm und dem Volk (Hos 1,6.9), das erneuert sein wird (Hos 2). Die Wendung ouv lao,j wiederspiegelt den Namen des Sohnes (Hos 1,9; 2,1.25), lässt jedoch die Bezeichnung für Zugehörigkeit aus. Der Gegenpol lao,j qeou/ gibt die Wende wieder, die bereits im AT Gott in erster Person bezeichnet (ym[, lao,j mou/ Hos 2,3.25). Die Partizipien von evlee,w sind in v10 eine Anwendung des Namens der Tochter, die dem Sohn vorangeht und zur ähnlichen Wende gelangt. Das negative Bild wird bei Hos im Part. Perf. Pass. zweimal genannt (ouvk&hvlehme,nh Hos 1,6; 2,25) und diese Form übernimmt 1 Petr 2,10. Dagegen wurde das positive Bild in Aorist evlehqe,ntej (1 Petr 2,10) bei Hos als Name im Perfekt (evlehme,nh Hos 2,3), und als Vorgang in Futur angekündigt (evleh,sw Hos 2,25).

 

4.4 Eine 'Anwendung': 1 Petr 2,1-10 und AT

Rückblickend ist zunächst festzustellen, dass in diesen wenigen Versen der Petrusbrief auf alle drei relevante Teile der Schrift Bezug nimmt: die Tora (Ex), die Prophetie (Jes, Hos) und das Gebet (Ps). Die Beziehung und Rückbindung des Petrusbriefes an AT kann gut mit dem Stichwort "Anwendung" bezeichnet werden und diese Anwendung ist folgenreich. So ist der Glaube (1 Petr 2,7) von Jesaja (Jes 28,16 in v6) übernommen und angewandt. Die Milch aus der atl. Tradition wurde zu einer 'geistigen Milch des Wortes' (1 Petr 2,2). Die Schlachtopfer sind zu 'geistigen' Opfern geworden, so wie der Tempel nicht nur ein aus Steinen gebautes, sondern ein 'geistiges' Gebäude ist (1 Per 2,5). Der Imperativ "Kostet!" (Ps 34,9) wurde zum Indikativ: "ihr habt gekostet" (1 Petr 2,3). Was beim Propheten als Ankündigung Gottes für eine unbestimmte Zeit gilt ("Ich lege einen Stein", Jes 28,16), wird im Petrusbrief als bereits geschehen vorausgesetzt ("Euch also die Ehre…", 1 Petr 2,7). Was in der Tora (Ex 19,5-6) unter Bedingung steht und für kommende Zeit angesagt wird ("Wenn ihr hört… so werdet ihr sein"), stellt der Petrusbrief mit unvermittelt fest: "Ihr seid eine königliche Priesterschaft und eine heilige Nation" (1 Petr 2,9). Nicht die Bedingungsklausel, sondern die Zielrichtung bestimmt diese Identität ("damit ihr verkündet…"). Auch die Ankündigung Gottes in Futur bei Hosea evleh,sw (Hos 2,25) wird zum Aorist evlehqe,ntej. Für Petrusbrief ist der Zustand des göttlichen Erbarmens schon eingetroffen.

5. Bezug zu Petrus

Der relativ kurze Text 1 Petr 2,1-10 gibt seinen Beitrag zu mehreren direkten Bezügen oder Anspielungen, die im Ersten Petrusbrief zur Rückbindung an die Gestalt des Apostels Petrus dienen.

Die erste stärkere Verbindung besteht in der Anführung (1 Petr 2,4.7) des gleichen Zitates Ps 118,22, mit dem Apostel Petrus vor dem Hohen Rat in Jerusalem aufgetreten ist (Apg 4,11). Der Apostel hat dort den Psalm, in der unmittelbaren Auseinandersetzung, durch Personalpronomen u`mei/j (Apg 4,11) auf seine Gegner angewandt. Hier dient das Zitat zum Aufbau des größten zweiten Abschnittes und zum Argument der wichtigen Unterscheidung zwischen Glauben und Nichtglauben. Das Nomen li,qoj steht als Metapher für Christus in Petri Mund in Apg 4,11, hier wird zweimal in v4.7 genannt. Dass der "Stein" zum Grundstein für den Bau geworden ist, sagt dort Petrus (Apg 4,11) unter Verwendung von Vokabeln, die sich in 1 Petr 2,7 wiederfinden. Diese sind: Zeitwort gi,nomai (Apg 4,11: Partizip Aor., 1 Petr 2,7: Indikativ Aor. Pass.), Präposition eivj, und die zwei zusammengesetzte Akkusative kefalh,n gwni,aj. Zusätzlich entsprechen einander sowohl die Subjekte, mit oivkodome,w beschrieben (Apg 4,11: Nomen, 1 Petr 2,7: Partizip), als auch ihr Umgang mit dem Stein, in Apg 4,11 mit evxouqene,w ("verachten"), in 1 Petr 2,4.7 zweimal mit avpodokima,zw ("verwerfen") ausgedrückt. Unterschiede in Form und Wortwahl geben einen Hinweis auf möglich hebräisches Original des Psalmzitates.

 

Petri Rede (Apg 4,11)                         Petrusbrief, c2

o` li,qoj                 (2x v4.7)

o` evxouqenhqei.j                 avpodedokimasme,non (v4), o]n avpedoki,masan (v7)

tw/n oivkodo,mwn                 oi` oivkodomou/ntej (v7)

o` geno,menoj                           evgenh,qh (v7)

eivj kefalh.n gwni,aj               (v7)

 

 

Der mutige Petrus, der den Obersten und Ältesten den Namen Jesu Christi offenbart und sie mit ihrer Tat auseinandersetzt, dient als ausgezeichneter Hintergrund für die literarische Gestalt des Schreibers des Petrusbriefes. Die Zitate in v4.7 sind mit ein Grund warum der Brief den Namen Petri trägt.

Zweiter Bezug beruht darauf, dass in unserem Text die Vokabel pe,tra (1 Petr 2,8) verwendet wird und ist eher assoziativ. Das Nomen pe,tra steht in Christi Wort, dass ein bleibendes Haus auf dem Felsen gebaut werden soll (Mt 7,24.25; Lk 6,48). Petrus wurde selber von Christus als pe,tra für den Bau der evkklesi,a bezeichnet. In beiden Fällen begegnet auch das Zeitwort oivkodome,w (Mt 7,24; Lk 6,48), das Christi Worte mit 1 Petr (2,5.7) verbindet.

Die aus Jes 8,14 stammende Verbindung von pe,tra mit ska,ndalon (1 Petr 2,8) ruft in Erinnerung, dass auch Petrus selber von Christus als ska,ndalon (Mt 16,23) bezeichnet wurde. Ihm hat Christus vorgeworfen ta. tw/n avnqrw,pwn und nicht ta. tou/ qeou/ im Sinn zu haben (Mt 16,23) was dem literarischen Petrus zur Grundunterscheidung dient (1 Petr 2,4), um das Schicksal vom "lebendigen Stein" seinen Adressaten zu verdeutlichen. Petrus hat also selber einmal zu den Menschen und nicht zu Gott gehalten.

Aufgrund dieser negativen Seite der literarischen Gestalt Petri in Evangelien und aufgrund von grundsätzlicher Erfahrung des Apostels, dass er selber Christus "verleugnet" hat, kann die strenge Trennung zwischen pisteu,ontej und avpistou/ntej neubedacht werden. Die Anrufung der Adressaten mit parakalw/ (2,11; 5,1.12) ist in diesem Licht nicht als kalte Ermahnung zu verstehen. Das Stichwort parakalw/, das dem Petrusbrief nach der Einführung (1 Petr 1,1-2,10) den Ton angibt, ist vielmehr ein Anrufen und eine Bitte, durch Mitgefühl und Verständnis des erfahrenen Apostels begleitet.

6. Rückblick

Mit dieser schriftlichen Arbeit ist ein Schritt des immer harten Weges der Exegese gegangen, wofür ich Gott und seinem Wort zutiefst dankbar bin. Und allen – vielen – die mich auf diesem Weg begleiten und solche Arbeit ermöglichen.

In der formalen Analyse am Anfang der Arbeit habe ich die Kommunikation des Textes mit seinen Lesern angeschaut. Ich habe versucht, den Text ausreichend abzugrenzen und seinen Aufbau und innere Dynamik zu erkennen. Die Gliederung in drei Abschnitte hat letztlich die Grundlage geliefert für das Vorgehen im zweiten, bibeltheologischen Hauptteil dieser Schrift.

 

Die Mängel dieser Arbeit und die Möglichkeit seiner Ergänzung sind offensichtlich: Die Literatur könnte viel mehr einbezogen werden. Die Beziehung und Verbindungen mit anderen Teilen des Petrusbriefes sind kaum zu Sprache gekommen. Die außergewöhnliche Vorliebe für Adjektive (etwa 20 Belege) und die wichtigen Kontraste (z. B. sko,toj fw/j, do,loj a;dolon) konnten näher eingegangen werden. Im theologischen Teil sollte die Teilhabe an Christus und Christusähnlichkeit der Adressaten hervorgehoben werden.

 

Welche Stärke der Petrusbrief in der Heiligen Schrift hat, zeigt auch die Tatsache, dass ein Text daraus wichtigen Platz in der Liturgie einnimmt. Wie Petrusbrief aus dem Gebet der Schrift (Psalmen) geschöpft hatte, so hat die Kirche von ihm in die erste Sonntagspräfation übernommen und richtet an Gott Gebetsworte im festlichen Ton: In ihm (Christus) "sind wir ein auserwähltes Geschlecht, dein heiliges Volk, dein königliches Priestertum. So verkünden wir die Werke deine Macht, denn du hast uns aus der Finsternis in dein wunderbares Licht gerufen."

 

7. Literatur

Norbert Brox, Der Erste Petrusbrief, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. XXI, Benzinger Verlag, Neukirchener Verlag, 1979, S. 89-110.

Leonhard Goppelt, Der Erste Petrusbrief, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Bd. 1/1, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1978, S. 133-154

 

 



[1] Norbert Brox, Der erste Petrusbrief,  Neukirchen 1979 (weiter: Brox), 90.

[2] Vgl. Brox, 90.

[3] Brox, 90.

[4] Leonhard Goppelt, Der Erste Petrusbrief, Göttingen, 1978 (weiter: Goppelt), Anm. 32 auf S. 133; Brox, 89-90.

[5] Goppelt,148.

[6] Brox, 99-100.

[1] Brox, 91.

[2] Brox, 93.

[3] Brox, 100.

[4] Brox, 103.

[5] Brox, 105.

[6] Goppelt, Anm. 50 auf S. 137; Brox, 93

[7] Goppelt, 151.

[8] Brox, 98, mit Anm. 326, und 103 mit Anm 343.

[9] Goppelt, 145.

[10] S. "Zur Nachgeschichte von 1 Petr 2,5.9" in Brox, 108-110.

[11] Brox, 104.

[12] Brox, 105.

[13] Brox, 107.