Christen und Islam in Kroatien

Eine Religion ist wertvoll und relevant insofern sie das Tiefste und Wichtigste in unserem Leben berührt: unsere Suche nach einer unbegrenzten Liebe, unser waches Gefühl der Gerechtigkeit, unsere Frage nach dem ewigen Leben. Die Spiritualität und der Glaube sind die Pfeiler der Religiosität. Religion hilft uns, eine gesunde Gottesbeziehung zu entwickeln, das Geschenk des eigenen Lebens mit Dankbarkeit anzunehmen, und lernen, was wahre und fruchtbare Gottesfurcht ist.

Grundzüge einer biblischen Religion

Islam und Christentum in Kroatien wie überall in der Welt haben eine Gemeinsamkeit indem sie auf der Offenbarung beruhen. Sie sind Offenbarungsreligionen. Wir Menschen haben das Wort Gottes bekommen, das Sprechen Gottes ist dokumentiert und niedergeschrieben. Wir hören auf dieses Wort und achten darauf.

Eine Begegnung mit dem Anderen und mit anderer Religion verlangt eine tiefe und gesunde Verankerung im eigenen Glauben und in der eigenen Tradition, eine klare Identität.  Nur wer sich selbst kennt und respektiert, kann angemessen dem Anderen begegnen, ohne dass man sich selbst dabei verliert und verwirrt wird. Das Mitleben mit Islam verlangt von Christen eine lebendige Verwurzelung im Evangelium und den höchsten Respekt für Christus und für sich selbst.

Eine Religion, die aus der Bibel herkommt, ist interessant und attraktiv, weil sie ein Programm des ganzheitlichen menschlichen Einsatzes und Radikalismus bietet: Liebe! – du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft! (Dtn 6,5)  Und Liebe! – Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Lev 19,18). Diese beiden Gebote aus der Hebräischen Bibel wurden im Evangelium von Jesus bestätigt und machen sogleich die Maßen und Kriterien aus, für die Fruchtbarkeit unserer Religion. Unsere Liebe zu Gott wird an der Liebe zu Mitmenschen abgelesen.

Abraham – der Vater des Glaubens

Wenn wir in die Bibel zurückblicken, sehen wir das Gemeinsame von Christen und Islam vor allem im Abraham, dem Vater des Glaubens. Er hat persönlich die Berufung von Gott erfahren (Gen 12,1). Dies war in einem entscheidenden Augenblick seines Lebens als sein Vater gestorben ist (Gen 11,32). Abraham musste bekanntlich losziehen aus dem Land des Turmes zu Babel (Gen 11,9) – besonders bei Jeremia ist es klar das Kaschdim-Chaldäer (vgl. Gen 11,31) die Bezeichnung für Babylonier ist. Er ist berufen, sich zu distanzieren vom Ort der Hochmut und der Vergöttlichung des Menschen, der Sprachenverwirrung und des Missverstehens. Abraham musste genau hinschauen, was ihm Gott zeigen wird ("ich werde dir zeigen" Gen 12,1), weil das neue Land und den Weg dorthin er nicht kennt. Er wird zum Schüler Gottes. Für Abraham, das Wort Gottes ist Zukunft – eine gemeinsame Zukunft: Gott wird ihm das Land zeigen.

In der Begegnung mit einem Priester versteht Abraham, dass sein Gott, der ihn persönlich berufen hat, der mächtige Schöpfer des Himmels und der Erde ist, der Gott des ganzen Universums (Gen 14,22). Jahwe ist El-Eljon. Nach dieser Begegnung mit Melchisedek finden wir in der Bibel die ersten Worte Abrahams die an Gott gerichtet sind – sein erstes Gebet, das niedergeschrieben ist (Gen 15,2). Nach dieser Begegnung wird Abraham der erste in der Bibel sein, der glaubt (Gen 15,6). Zum ersten Mal findet sich in der Bibel das Wort "glauben". Abraham ist auch der erste in der Bibel mit dem Titel Prophet (Gen 20,7), aber seine erste Aufgabe ist nicht in gewohntem Sinn zu prophezeien, sondern für andere zu beten. Die erste prophetische Sendung in der Bibel – die dann als Maßstab und Vorbild für alle folgenden sein kann – ist die Fürbitte, ein Gebet der Fürsprache und Vermittlung.

In der bekannten Versuchung und Prüfung mit Isaak (Gen 22) wird Abraham selber Wichtiges über den Gottesdienst und der Opferung lernen müssen. Gott will nicht, dass das menschliche Leben zerstört, sondern dass es aufbewahrt und geheiligt wird. Abraham wird auf spürbare und praktische Weise lernen, wie wichtig die Autorität der Eltern ist. Die Verantwortung für das gesunde Gottesbild, das in der Familie entsteht, ist groß. Die Eltern, die ein falsches und verzehrtes Gottesbild vermitteln oder gar keines begehen weitreichenden Missbrauch.

Islamische Gemeinschaft in Kroatien

Kroatien mit 4,5 Mil. Einwohner ist ein exzellentes Beispiel für die Frage nach dem Leben zwischen Christen und Islam. In Kroatien sind bis 80% der Einwohner (mehr als drei Viertel) aus den traditionell christlichen katholischen Familien und somit sind sie ein Teil der 14 Jahrhunderte alten Tradition des Christentums unter den Kroaten. Aber sowohl am Anfang der modernen Demokratie in 1990 als auch in der Verteidigung gegenüber der militärischen Aggression aus Belgrad, die Christen waren zusammen mit den Moslems. Unter den verdienstvollen Veteranen und unter den gefallenen findet man klar erkennbare Mohammedanische Namen. Vom Beginn des neuen politischen Lebens bis heute gibt es eine politische Partei, Partei der Demokratischen Aktion (SDA) in der Moslems in Kroatien versammelt sind.

In Zagreb gibt es Islamisches Zentrum mit der großen Moschee – das wohl größte und bedeutendste Zentrum in ganzen Süd-Ost Europas. Dort gibt es nicht nur ein Ort des Gebetes, sondern auch die Schule und Ausbildungszentrum, Kulturzentrum, wie auch Bibliothek mit dem Institut für akademische Forschung und Zusammenarbeit. Das Zentrum ist auch Hauptsitz für 13 islamische Gemeinden in Kroatien.

Dort war am 28. Februar 2011 das regelmäßige interreligiöse Treffen, das fruchtbar war. Im Gespräch waren sich die Vertreter der Religionen (Juden, Christen, Islam) einig, dass man in den Revolutionen in der Arabischen Welt nicht Islam im Vordergrund stellen soll. Das offizielle Dokument der Versammlung ist eine gemeinsame Erklärung, unterschrieben von allen, bezüglich des Status und der Rechte der Familien in Kroatien.

Das Leben der Familie ist auch das Thema des Päpstlichen Besuches in Kroatien Anfang Juni. Der Heilige Vater Benedikt XVI. kommt zu erstem offiziellen Besuch nach Kroatien am 4. und 5. Juni.

Dabei haben auch die Moslems eine aktive Rolle als Vertreter einer Religion in Kroatien. Der Heilige Stuhl hat eine entscheidende Rolle in der Errichtung des modernen Staates Kroatien gespielt und der Papst hat ein großes Ansehen.

Eine belastete Geschichte

Die Geschichte der Beziehung mit Islam ist in Kroatien nicht ohne gravierende Belastung. Kroatien war an der Grenze der Ottomanischen Invasion jahrhunderte lang. Teile Kroatiens wurden militärisch und blutig erobert. Die Angriffe und Okkupation dauerten von 15. bis ins 19. Jahrhundert, und ganz Bosnien und Herzegowina ist erobert worden. Von den kroatischen Familien auf den eroberten gebieten wurden systematisch die männlichen Kinder entführt und zwangsweise im Islam erzogen. Das wurde "Blutsteuer" genannt. Historiker reden sogar von ein paar Millionen in der langen Geschichte der vier Jahrhunderte.

Im fünfzigjährigen kommunistischen Staat Jugoslawien, die gegen Religion ausgerichtet war, wurden die Moslems zu Nationalität, zu einer Nation erklärt. Im Krieg am Ende des letzten Jahrhunderts die erste Hilfe für die Moslems war die christliche Caritas. Die erste militärische Unterstützung und Hilfe in der Abwehr haben sie von den Kroaten erhalten. Tausende von Flüchtlingen wurden in Kroatien aufgenommen. Trotzdem kam es zu Auseinandersetzungen und offenen Krieg. Wahrscheinlich hat dabei eine Rolle die Hilfe und das Personal aus den islamischen Ländern eine Rolle gespielt. Tatsächlich gab es in und nach dem Krieg zum ersten Mal Islamitische Fundamentalisten in Bosnien und Herzegowina. Vorher gab es den gegenseitigen Respekt. Die Kroaten in Bosnien und Herzegowina, obwohl sie dort ein der konstitutiven Völker sind, leiden derzeit unter dem Druck von beiden Seiten: von den Serben  und der Serbischen Orthodoxen Kirche und von den Moslems und der neu definierten Nation der Bosniaken oder Bosnier. Viele hatten nie die Möglichkeit nach dem Ende des Krieges zurückzukehren; andere werden noch immer vertrieben.

Wege der Zusammenarbeit

In Kroatien ist der staatliche Vertrag mit Vatikan legt nicht nur die religiöse Freiheit im Staate fest, sondern auch die Religion im Unterricht. Die Menschen haben die Verantwortung ihre Religion frei im Lichte der eigenen Vernunft und des Gewissens zu pflegen. Und die Religion ist in den Schulen ein sogenanntes Wahlfach: der Familie obliegt zu entscheiden in welcher Religion die Schüler unterrichtet werden.

Dank der modernen Medien in Kroatien sind im Internet sowohl die kroatischen Christen als auch die Moslems vertreten. Und der Anteil der Internetbenutzer ist hoch.

Sowohl die christlichen Kirchen als auch die Islamische Gemeinschaft in Kroatien nehmen Teil am religiösen Programm der öffentlichen Rundfunk – Radio und Fernsehen. Im nationalen Radio gibt es tägliche und wöchentliche Sendungen und im Fernsehen wöchentliche und monatliche. Die Teilnahme ist gesetzlich und vertraglich geregelt, so dass niemand zu kurz kommt. Gewöhnlich wird der Kalender jeder Religion beachtet: die großen Ereignisse werden übertragen, wie beispielsweise die Abschluss Feier des Ramadan.

Eine Wichtige Form der Gemeinsamkeit ist der wissenschaftliche Dialog. An der Jesuitenfakultät in Zagreb im Rahmen der Religionswissenschaft gibt es den regelmäßigen Kurs über Islam. Der Träger der Lehrveranstaltungen ist der Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft in Kroatien Mufti Šefko Effendi Omerbašić.
Gemeinsames Interesse ist auch ersichtlich an den Symposien wie z. B. vor Jahren über die Auferstehung oder über die Krankheit, Leid und Heilung letztes Jahr.

Ein wichtiges Projekt der Kroatischen Provinz der Gesellschaft Jesu ist das europäische Loyola Gymnasium in Kosovo. Es ist eine Institution, die zum ersten Mal dort systematische Ausbildung für Mädchen anbietet.

Aussichten

Der Weg nach vorn verlangt eine tiefgründige Umkehr und Abkehr vom Bösen, die Treue gegenüber den Geboten Gottes, eine gepflegte Spiritualität und Nächstenliebe. Wir müssen unsere Heiligen Bücher kennen und uns mit der Lebensgeschichte des Gründers vertraut machen. Nur so geht es weiter. Die Liebe zu Mitmenschen, das Leben des Gründers im Lichte der Vernunft und des Gewissens, die gepflegte Gottesbeziehung sind notwendige Elemente. Die Askese und Spiritualität haben ihren Wert, wenn sie für die Gemeinschaft fruchtbar sind. Die Wertschätzung des eigenen Lebens und des Lebens anderer sind unumgängliche Wegweiser.

Die grundlegende Gemeinsamkeit gibt es:
im Islam und im Christentum ist das Wort Gottes verkörpert, ist menschlich und zugänglich geworden. Im Islam ist das Wort Gottes verkörpert in der Gestalt des Heiligen Buches, diktiert an den verehrten Muhammed. Im Christentum ist das Wort Gottes verkörpert und menschlich geworden auf der Ebene der lebenden Person in Jesus Christus.

05.01.2014.

Niko Bilić SJ