Judit - schwach, aber stark

Judit wird im Buch als eine Frau eingeführt, die hört (8,1.9). Ihr Auftreten kann auch als Antwort auf den zweifachen Gebetsschrei der Gemeinschaft (7,19.29) angesehen werden. Sie ist zwar zurückgezogen und lebt auf asketische Weise aber sie verfolgt die Lage, sie ist gut informiert und beachtet die politische Entwicklung. Im persönlichen Leben hatte sie schweres Schicksal zu erleiden, indem ihr Mann gestorben ist und sie als Witwe allein blieb. Dies macht sie empfindsam für das Leid der ganzen Stadt.

Judit ist eine Autorität und genießt zweifaches Ansehen im Volk. Das erste ist ihre Erscheinung. "Sie hatte eine schöne Gestalt und ein blühendes Aussehen" (8,7).

Wenn sie sich für ihr mutiges Unternehmen schön macht, wird sie mehrfach Staunen hervorrufen:
Die führenden Personen in der Stadt, aus ihrem eigenen Volk, kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus und sprechen ein Segensgebet über ihr (10,8). Ihre Schönheit bezaubert die Assyrischen Vorposten (10,14). Ähnliches passiert im ganzen feindlichen Lager, wo alle sie bewundern. Ihre Schönheit wirkt. In jedem Fall reagieren die Menschen mit einem inhaltsvollen und wichtigen Kommentar.

Zweiter Grund für ihr Ansehen und die Gewichtigkeit ihrer Worte ist ihre Weisheit.
Das Oberhaupt der Stadt Usija sagt, dass schon von Judits frühesten Jugend an die ganze Gemeinschaft ihre Einsicht kennt und weiß, wie Edel die Gedanken ihres Herzens sind (8,29).
Ihre aktuelle Lebensweise ist so, dass niemand ihr etwas Böses nachsagen kann (8,8).
Genauso wie über ihr Aussehen, die Führer der angreifenden Macht staunen auch über ihre Weisheit (11,20). Sie sind es die Judits Schönheit mit ihrer Verständigkeit verbinden und die beiden gleichstellen (11,21).

Ihre Autorität ist daran ersichtlich, dass sie die Ältesten der Stadt zu sich rufen lässt (8,10) und sie direkt belehrt und warnt (8,11–27). Sie sind die Vorsteher aber sie redet sie zugleich als Brüder an (8,14.24).
Die großen Reden vor den Vertretern ihres Volkes (8,11–27), vor dem Oberbefehlshaber der Angreifer (11,5–19) und ihr Gebet (c9) zeugen von ihrem inneren Reichtum, ihrer Klugheit und theologischer Tiefe.

Die Warnung an die Vorsteher besteht darin, dass man Gott keine Frist für seine Hilfe auflegen darf. Sie haben ja entschieden noch fünf Tage auf die Hilfe Gottes zu vertrauen und zu warten, danach wollen sie aufgeben und sich ergeben.

Damit – wie Judit ihnen ohne Beschönigung vorwirft – setzten sie sich an die Stelle Gottes, was die zentrale Problematik des ganzen Juditbuches ist. Denn der fremde König will als Gott verehrt werden (6,2). Alle die sich vor ihm nicht fürchten, für die er nur ein gewöhnlicher Mensch ist (1,11) werden angegriffen und mit der totalen Vernichtung angedroht.

In der andauernden Belagerung war die ganze Gemeinschaft durch Wassermangel geplagt und insofern um sich selbst und um eigenes Leben besorgt. Judit hingegen, die eigenes Leiden bereits durchgemacht hat, zeigt in ihren Erklärungen vor den Vorstehern, dass ihr Interesse am Heiligtum (8,21.24) und Altar (8,24), am Haus Gottes in Jerusalem (9,1) liegt. Ihre geistige Verbindung mit dem Tempel zeigt sich darin, dass sie ihr großes Gebet genau zur Zeit der Jerusalemer Abendliturgie ausspricht (9,1).

Ihre Sicht ist offen und breit. Wie eine gute Militärstrategin weiß sie, dass das Schicksal ihrer Stadt für ganz Judäa entscheidend ist (8,21).

Sie ist die erste und die einzige im Buch die an Abrahams, Isaaks und Jakobs (8,26) Geschichte mit Gott erinnert. In diesem Licht kann sie auch die schwierigste aktuelle Lage als eine Prüfung (πειραζω 8,25) deuten.

Wie sehr die Vorstehen sie respektieren und wie viel sie von ihr erwarten, sieht man an der Bitte des Obersten, Usija, der um Judits fürsprechendes Gebet fragt (8,31).

Dass Gott im Mittelpunkt steht erweist Judit mit ihrer Geschichte mehrfach.
Von Judit ist erst im zweiten Buchteil die Rede. Sie ist nicht die erste, steht auf der zweiten Stelle, im Hintergrund.
Sie heißt einfach Judit – ein Jüdin. Sie hat keinen besondern Namen, mit dem sie sich individuell wichtig macht, sondern identifiziert sich mit der Gemeinschaft, nimmt das Schicksal des ganzen Volkes auf sich.
Sie ist eine Frau.
Sie ist dazu eine Witwe und somit gehört sie zur Gruppe der Schutzbedürftigen, die nach dem Gesetz ein Sonderauftrag für die Nächstenliebe sind und einer besondern Zuwendung Gottes bedürfen.

In ihrem Gebet wird sie unverhüllt bekennen, dass sie mit Gottes Kraft und nicht mit ihrer Schwäche rechnet.
Ganz konkret und greifbar wird sich ihre Unzulänglichkeit und Begrenzung ihrer Macht darin zeigen, dass sie bei Holofernes zweimal mit dem Schwert schlagen muss.

Wie sie selbst sich auf die Hilfe Gottes angewiesen weiß erweist sich darin, dass sie allem Unternehmen das große Gebet voranstellt (c9), und dass sie vor der Tötung des Angreifers noch zweimal betet (13,4.7).

Judit ist Gott ergeben. Sie betet ihn an. Sie verehrt Gottes Größe und Macht indem sie sich vor ihm niederwirft. Dieses Zeichen der Verehrung macht sie während des großen Gebetes (πιπτω 9,1; 10,2). In dieser Haltung bringt sie ihr Gebet vor Gott.

Auch nachdem die Vorsteher ihren Segen aussprechen, wird sie als Antwort zunächst Gott anbeten (10,9).

In ihrem Gebet zeigt sie ihre theologische Tiefe.
Obwohl sie allein betet ist sie mit der Liturgie im Haus Gottes verbunden. Sie betet zur gleichen Zeit.
Ihre Gebetsmethode ist, vor Gott die Erfahrungen aus der Vergangenheit zu bringen. Sie erinnert ihn an die Machttat aus der Geschichte, die mit der Aktion des Jakobsohnes Simeon, des Urvaters ihres Stammes, verbunden ist. Wie Jakobs Tochter Dina von Sichem vergewaltigt wurde, so drohen nun Assyrer das Heiligtum zu entweihen (9,8).
(Auf diesem Hintergrund und mit diesen Konnotationen ist eventuell der Name der Stadt Betulia als betulâ – Jungfrau, Mädchen zu deuten. Der Name aber bleibt zugleich eine Anspielung an bet ´el – das Haus Gottes selbst.)

Eine ähnliche Gebetsmethode lebt in der Kirche. Wir erinnern Gott an die Erlösungstat Jesu Christi in der Vergangenheit und bitten, dass sie gegenwärtig wirksam wird.

In ihrem Gebet zeigt Judit, dass sie als Frau einem Weisen aus biblischer Weisheitstradition gleicht. Sie sagt beispielsweise dass "alle Wege Gotte schon gebahnt sind" (9,6). Ähnlich hat sie schon in ihrer Rede vor den Vorstehern der Stadt als biblische weise Frau argumentiert. Die Vorsteher, die nicht einmal die Tiefe des Menschenherzens ergründen können, sind nicht fähig Gott zu erforschen, seine Gedanken zu erkennen und seine Absichten zu verstehen (8,14).

Obwohl sie persönlich in der Not ist, bleibt ihr Gebet auf das Wohl des Gotteshauses und des Gottesvolkes ausgerichtet. Ihr Interesse liegt am Bund, den sie in ihrem Gebet erwähnt (9,13).

Judit stellt sich ganz unter die Autorität Gottes. Obwohl sie selbst die Rettungstat plant, bittet sie die Kraft von Gott dafür (9,9). Bereits beim ersten Mal, wo sie ihren Plan angekündigt hat (8,32), wusste sie, dass der Herr es ist, der durch ihre Hand die Rettung bringt (8,33). Sie weiß, dass ihr Erfolg in den richtigen Worten liegt, die sie von Gott bekommt (9,13). Schließlich, sieht sie am Ende ihres Gebets klar auch das Ziel der ganzen Unternehmung. Es geht darum, dass das ganze Gottesvolk zur Erkenntnis Gottes kommt (9,14).

Reflexionsfragen:

Was ist der große Feind gegen den ich in meinem Leben kämpfen muss?
Was ist mein Beitrag für die aktuelle Lage in der Kirche und in der Welt?
Was tue ich mit meinen Händen?

Sommer 2008
(korrigiert 30.01.2009)

P. Niko Bilić SJ